Buchauszug: Bühne und Publikum

Tim Themann: Die Computermaler: IT visualisieren - ganz spontanDen (Steh‑)​Platz vor dem Flip­chart oder dem White­board mit den „Bret­tern, die die Welt bedeu­ten“​​1 zu ver­glei­chen, dürf­te in den meis­ten Fäl­len mehr als ver­mes­sen erschei­nen. Den­noch: Eben die­ser Platz ist Ihre Bühne, meist unmit­tel­bar davor sitzt Ihr mehr oder min­der inter­es­sier­tes Publi­kum. Die­ser Situa­ti­on ist in den „Com­pu­ter­ma­lern“ ab Seite 94 fast ein gan­zes Kapi­tel gewidmet:

6.2 Bühne und Publikum

Die Bühne einer Visua­li­sie­rung ist fast immer ähn­lich struk­tu­riert: Men­schen sit­zen mehr oder min­der erwar­tungs­voll in einem Bespre­chungs- oder Vor­tragsraum; idealer­weise ist min­des­tens ein Flip­chart oder White­board vor­handen. Aus­ge­hend von die­ser Eröff­nung gibt es zwei grund­sätz­lich unterschiedli­che drama­turgische Situationen:

  • Von Ihnen wird erwar­tet, dass Sie die Hand­lung domi­nie­ren – über­ra­schend ist allerhöchs­tens, dass Sie dies nicht mit ei­ner vorbereite­ten Prä­sen­ta­ti­on tun. In der Regel ist dies der Fall, wenn Sie als „Vor­tra­gen­der“ gela­den sind.
  • Sie sind ledig­lich Teil­neh­mer der Bespre­chung, Sie haben kei­nen expli­ziten Auf­trag, In­halte zu visua­li­sie­ren. In die­ser Situa­ti­on kos­tet es manch­mal Überwin­dung, das Flip­chart zu „erobern“ und den Pro­zess durch geeig­ne­te Visualisie­rungen zu unter­stüt­zen. Die Erfah­rung zeigt jedoch: In den meis­ten Fäl­len wird man es Ihnen dan­ken – selbst, wenn Sie die Si­tuation zu einer Art „Mode­ra­ti­on ohne (explizi­ten) Auf­trag“ aus­bau­en. Proble­matisch wird die Sze­ne­rie jedoch, wenn Ihr Griff nach den Flip­chart-Mar­kern als Beginn eines Kamp­fes um die Domi­nanz der Bespre­chung ange­se­hen wird. Ob dies der Fall sein könn­te, kann man oft­mals bereits im Vor­feld gut ein­schät­zen. In sol­chen Situa­tio­nen ist es hilf­reich, expli­zit nur die eige­nen Bei­trä­ge visu­ell zu unter­ma­len – und sich danach unmittel­bar wie­der zu set­zen und das Flip­chart oder zumin­dest die vor­han­denen Stif­te für die Nut­zung durch die an­deren Teil­nehmer deut­lich sicht­bar „frei­zuge­ben“. Selbst falls nie­mand die­ser indi­rekten Auf­for­de­rung folgt (was die Regel sein dürf­te): Sie wir­ken nicht mehr, als hät­ten Sie das Flip­chart „erobert“; Ihre Visuali­sierung ist wie­der das, was sie sein soll­te: eine inhalt­li­che Unter­stützung Ihrer Bei­trä­ge, keine Dominanzgeste.

Unab­hän­gig davon, in wel­cher der bei­den Rol­len Sie sich befin­den, lohnt es sich immer, die Bühne zu prü­fen, sobald man den Raum be­tritt​2:

  • Wel­che Werk­zeu­ge (Flip­chart, White­board, Stif­te) sind vor­han­den und in wel­chem Zu­stand sind sie? White­boards müs­sen poten­ti­ell ab­gewischt wer­den (nach­dem um Erlaub­nis gefragt wurde), Flip­charts benö­ti­gen Papier und Stif­te sind eigent­lich immer leer. Letz­te­res ist ein guter Grund, mög­lichst immer Stif­te mitzuführen.
  • Wo befin­det sich das Flip­chart, wo das künfti­ge „Publi­kum“? Kön­nen alle das Flip­chart se­hen? Idea­ler­wei­se steht es gegen­über den Fens­tern – lange Zeit ge­gen das Licht zu schau­en, ermü­det die Augen Ihres Publikums.
  • Wo ist mein Platz und komme ich von dort ein­fach zum Flip­chart? Gera­de, wenn das Flip­chart „erobert“ wer­den muss, ist es sehr hilf­reich, einen frei­en Weg dort­hin zu haben.
  • Wie und wo kann ich ste­hen, um zu visualisie­ren, ohne meine Visua­li­sie­rung mit mei­nem Kör­per zu ver­de­cken? Vor allem zum Schrei­ben muss man rela­tiv gera­de vor dem Flip­chart ste­hen (oder gar in die Knie gehen). Be­greift man Visualisie­rung jedoch als Pro­zess, dem die an­deren Teil­neh­mer fol­gen sol­len (und nicht le­diglich als das Erstel­len einer dann als fer­tig zu betrach­ten­den Zeich­nung), be­nötigen die Teil­neh­mer wäh­rend eben die­ses Pro­zes­ses freie Sicht auf das Flipchart.
  • Gibt es (mög­lichst für alle Teil­neh­mer sichtba­re) Plät­ze an den Wän­den (oder Moderations­wände), die als „Park­platz“ für Visualisierun­gen die­nen können?

Je frü­her diese Über­prü­fung der „Bühne“ statt­findet, desto eher kön­nen die Ver­hält­nis­se noch zu Ihrem Vor­teil geän­dert wer­den – und das idea­ler­wei­se un­beobachtet vom künf­ti­gen Publikum.

6.3 Dramaturgie

Die Ver­bin­dung Ihres Tex­tes (der „Ton­spur“) mit Ih­rer Visua­li­sie­rung ergibt die Dramatur­gie ihres The­aterstücks. Anders als beim nach­träglichen Ver­tonen eines Films gilt es jedoch nicht, „lippensyn­chron“ zu spre­chen (die Spra­che mit dem Bild zu syn­chro­nisieren), son­dern im Ge­genteil den Fort­gang der Vi­sualisierung an den Inhalt anzupassen.

Der oft gehör­te Hin­weis, man solle nicht gleich­zei­tig schrei­ben oder zeich­nen und spre­chen, mag für Hör­säle und Klas­sen­zim­mer sei­ne Gül­tig­keit haben, er­scheint für übli­che Be­sprechungen jedoch nicht zwin­gend: Die akus­tische Situa­ti­on ist durch die klei­ne­re (hof­fent­lich im Ver­gleich zu einem typi­schen Klassenzim­mer dis­zi­pli­nier­te­re) Teil­neh­mer­an­zahl und den in aller Regel klei­ne­ren Raum deut­lich günstiger.

Eine typi­sche Sequenz, die sich quasi automa­tisch ergibt, ist, der Reihe nach zwei oder meh­re­re Kom­ponenten zu erklä­ren (und paral­lel zu zeich­nen) und an­schließend deren Bezie­hung dar­zu­stel­len – sprach­lich und paral­lel zeich­nerisch. Aus einer An­ein­ander­reihung sol­cher Sequen­zen ent­steht die Dra­ma­turgie der meis­ten Visua­li­sie­run­gen. Die Rei­hen­fol­ge, in der die Ein­zel­se­quen­zen kom­biniert wer­den, folgt dem Text oder Inhalt, an den sich die Vi­sualisierung anlehnt. Inner­halb des gesam­ten Vor­trags erhält eine sol­che Sequenz einen ähn­lichen Cha­rak­ter wie eine ein­zel­ne Folie bei ei­nem „klas­sisch“ vorberei­teten Vor­trag. Neben dem Vor­teil der Spon­ta­nei­tät gibt es jedoch einen wei­te­ren gro­ßen Unter­schied: Es wird prak­tisch immer weni­ger Flip­chart-Blät­ter ge­ben, als eine ver­gleich­ba­re Präsenta­tion Foli­en gehabt hätte – eine Folie ist schnel­ler erstellt (oder kopiert) als ein Flip­chart beschrie­ben. Die ein­zel­nen Punk­te ent­wi­ckeln sich lang­sa­mer und tie­fer – im Extrem­fall passt der kom­plet­te Vor­trag auf eine große Modera­tionswand, alle bereits be­sprochenen Inhal­te blei­ben sicht­bar und kön­nen z. B. bei Rückfra­gen erneut ein­be­zo­gen werden.

6.4 Alles hat Bedeutung

Zuschau­er eines „moder­nen“ Thea­ter­stücks tei­len sich typi­scher­wei­se in zwei Grup­pen: Die einen be­schließen bereits lange vor der ob­ligatorischen Pau­se, das Stück sei ihnen zu ab­strakt und sie verstün­den es nicht; die ande­ren sind hoch inter­es­siert und machen sich begeis­tert daran, jedes Detail der In­szenierung einer umfang­rei­chen Inter­pre­ta­ti­on zu unter­ziehen – ein­schließ­lich des zufäl­li­gen Stol­perns des einen Schau­spie­lers im drit­ten Akt. Auch hier gilt: „Es ist unver­meid­lich, dass auch unabsichtli­ches Ver­hal­ten als Zei­chen ge­nommen und interpre­tiert wird.“​​3 (vgl. S. 50).

Ein Thea­ter­re­gis­seur mag die wil­den Interpretatio­nen sei­ner Arbeit durch das Publi­kum durch­aus ak­tiv pro­vo­zie­ren und vom überra­schenden Ergeb­nis wo­möglich fas­zi­niert sein. Visua­li­sie­run­gen, wie sie Gegen­stand die­ses Buchs sind, sind jedoch keine kontrover­sen Kunst­wer­ke – Sie soll­ten die Deutungs­hoheit über Ihre Visua­li­sie­rung so weit wie mög­lich behal­ten: Seien Sie sich dar­über bewusst, dass alles – jedes Pik­to­gramm, jede Farb­wahl, jeder Pfeil und na­türlich Ihre „Insze­nie­rung“ selbst sowie die „Ton­spur“ – mit Bedeu­tung belegt wird. Zeich­nen Sie nichts, was keine Bedeu­tung hat, Ihre Zuschau­er wür­den es trotz­dem deu­ten – in aller Regel nicht so, wie Sie es möch­ten. Wech­seln Sie z. B. ohne Grund die Far­be, wer­den Ihre Zuschau­er einen Grund da­für suchen – und not­falls „an den Haa­ren her­beizie­hen“. Eigent­lich Glei­ches wird auf ein­mal zu Unter­schiedlichem, nur, weil Sie es in unterschiedli­chen Far­ben gezeich­net haben – z. B., weil der Stift leer war. Auf der „Ton­spur“ oder gar im Text des Foto­pro­to­kolls ist diese Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on kaum zu kompensieren.

Ver­mei­den Sie Fehl- und Überinter­pretationen: Was und wie Sie zeich­nen, soll­te auch wirk­lich etwas (idea­ler­wei­se klar Erkenn­bares) bedeuten.

Alle im Text und in den Fuß­no­ten erwähn­ten Lite­ra­tur­hin­wei­se sind übri­gens unter „Lite­ra­tur und Links im Buch“ kom­for­ta­bel verlinkt.

Fuß­no­ten:

  1.  Fried­rich von Schil­ler, An die Freun­de (1802). Vgl. <http://​www​.lite​ra​tur​welt​.com/​w​e​r​k​e​/​s​c​h​i​l​l​e​r​/​a​n​-​d​i​e​-​f​r​eunde.html>
  2.  Typi­scher­wei­se wird statt­des­sen zuerst die Kaf­fee-, Was­­ser- und Keks­ver­sor­gung geprüft. Was­ser ist wich­tig, wenn man vor­hat, viel zu spre­chen. Flip­chart und White­board sind wichtiger.
  3.  Vgl. Linke, Ange­li­ka; Nuss­bau­mer, Mar­kus; Port­mann, Paul R.: Stu­di­en­buch Lin­gu­is­tik. 3., unver­änd. Aufl. Tübin­gen: Max Nie­mey­er Ver­lag GmbH. & Co. KG 1996. S. 29.

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