Warum ist „schönes Zeichnen” wichtig?

Sei es in der Erwach­se­nen­bil­dung, im (IT‑)​Training oder gar in Ver­trieb und Pre-Sales: Die­sel­ben Men­schen, die viele (bereit­wil­lig bezahl­te Arbeits‑)​Stunden mit der Per­fek­tio­nie­rung von Power­Point-Foli­en zubrin­gen kön­nen, hal­ten auf Flip­chart und Whi­te­board eher lieb­lo­se Zeich­nun­gen und fast unles­ba­re Schrift oft für aus­rei­chend.

Egal, ob beim Visua­li­sie­ren von IT-Infra­struk­tu­ren (dem eigent­li­chen Thema die­ses Blogs und vor allem des Buchs) oder in ande­ren Zusam­men­hän­gen: Mei­nes Erach­tens ist „schö­nes Zeich­nen und Schrei­ben” in Gespräch und Mee­ting eine Frage von …

Deut­lich­keit, Ernst­haf­tig­keit und Wert­schät­zung

… und damit ent­schei­dend für den Trai­nings-, Pro­jekt- oder gar Ver­kaufs­er­folg.

Deutlichkeit vs. „visuelles Nuscheln”

Die Not­wen­dig­keit deut­li­cher Aus­spra­che und Ver­ständ­lich­keit wird nie­mand ernst­haft in Zwei­fel zie­hen – „ver­stan­den zu wer­den” ist offen­sicht­li­ch wich­tig für die eige­ne Wirk­sam­keit. Umso erstaun­li­cher ist es, wie oft visu­ell „genu­schelt” wird, wie ver­brei­tet prak­ti­sch unle­ser­li­che Schrift und kaum erkenn­ba­re Visua­li­sie­run­gen sind. Selbst, wenn Wich­ti­ges extra zur Beto­nung sei­ner Rele­vanz am Flip­chart notiert wird, ist das Ergeb­nis häu­fig kaum les­bar – und kom­ple­xe IT-Infra­struk­tu­ren bestehen nur allzu oft ledig­li­ch aus ein paar unle­ser­li­ch beschrif­te­ten Käst­chen und Pfei­len.

Warum ist "schönes Zeichnen" wichtig? - schön schreiben

Möch­ten Sie visu­ell eben­so gut ver­stan­den wer­den wie sprach­li­ch-audi­tiv, soll­ten Sie Ihren Visua­li­sie­run­gen Zeit und Sorg­falt wid­men. In der Hek­tik des ange­reg­ten Gesprächs oder Refe­rats erscheint dies oft schwie­rig; kurz inne­zu­hal­ten und par­al­lel zum Gespräch etwas zu visua­li­sie­ren erscheint ähn­li­ch lästig wie die Not­wen­dig­keit des gele­gent­li­chen Ein­at­mens – und es wird kaum mehr Zeit dafür auf­ge­wandt. Das reicht nicht für visu­el­le Deut­lich­keit – gön­nen Sie sich mehr Zeit dafür oder las­sen Sie es ganz: Ent­we­der das Visu­el­le ist wich­tig und soll ent­spre­chend deut­li­ch und ver­ständ­li­ch gelin­gen oder es ist unwich­tig – und kann dem­entspre­chend gänz­li­ch ent­fal­len. Ich halte das Visu­el­le als zwei­ten, das Gespro­che­ne kom­ple­men­tär ergän­zen­den Kanal für prak­ti­sch immer wichtig​1; keine Zeit dafür zu haben, erscheint mir ähn­li­ch unsin­nig wie keine Zeit für das Ein­at­men zu haben – und haben Sie für eines von bei­den „gefühlt” keine Zeit, reden Sie ver­mut­li­ch sowie­so zu schnell und zu viel, um noch gut ver­ständ­li­ch zu sein. Neh­men Sie sich die Zeit, deut­li­ch und ver­ständ­li­ch zu sein – beim Zeich­nen und Schrei­ben eben­so wie beim Spre­chen!

Halb­wegs les­ba­re (Moderations‑)​Schrift und eine klar erkenn­ba­re Bild­spra­che sind für jeden nicht phy­si­sch ein­ge­schränk­ten Men­schen erlern­bar – ich z. B. bin (an den Illu­stra­tio­nen erkenn­bar) alles ande­re als talen­tiert, kann mich aber zwin­gen, mir eini­ger­ma­ßen Mühe zu geben. „Nicht les­bar schrei­ben kön­nen” oder „nicht erkenn­bar zeich­nen kön­nen” gibt es nicht; das damit Koket­tie­ren ist m. E. in Wirk­lich­keit meist ein „nicht wirk­li­ch wol­len” – und wird vom Zuschau­er oft­mals als ein Zei­chen man­geln­der Ernst­haf­tig­keit wahr­ge­nom­men.

Mit Ernsthaftigkeit visualisieren

Im Fach­ge­spräch oder wäh­rend eines Mee­tings bemüht man sich übli­cher­wei­se bewusst einer ande­ren Spra­che als abends gegen­über Freun­den in der Knei­pe. Eine ange­mes­se­ne Wort­wahl, mög­lich­st hoch­deut­sche Aus­spra­che und eine sinn­vol­le Ver­wen­dung des jewei­li­gen Fach­jar­gons wer­den intui­tiv als not­wen­dig begrif­fen – und Ver­stö­ße gegen diese sozia­len Sprach­nor­men übli­cher­wei­se als unpro­fes­sio­nell, als man­geln­de Ernst­haf­tig­keit bewer­tet. Dies scheint oft jedoch nur für das Sprach­li­che, nicht jedoch für das Visu­el­le zu gel­ten: Im Ver­lauf von Kun­den­ter­mi­nen z. B. in „Jugend­spra­che” zu ver­fal­len, ist glück­li­cher­wei­se sehr unüb­li­ch und hätte ernst­haf­te Aus­wir­kun­gen auf den Gesprächs­er­folg – in der Qua­li­tät von Klein­kin­der­zeich­nun­gen zu zeich­nen, scheint hin­ge­gen akzep­tiert. Ich halte die Aus­wir­kun­gen den­no­ch für vor­han­den: Dem Visu­el­len Ihrer Kom­mu­ni­ka­ti­on geht die Ernst­haf­tig­keit und Pro­fes­sio­na­li­tät ver­lo­ren, die den Inhal­ten ange­mes­sen wäre und die sich ja auch im Gespro­che­nen bereits mani­fe­stiert.

Warum ist "schönes Zeichnen" wichtig? - schön zeichnen

Das nach mei­nem Emp­fin­den deut­lich­ste Anzei­chen man­geln­der Ernst­haf­tig­keit in der visu­el­len Kom­mu­ni­ka­ti­on ist das voll­stän­di­ge Igno­rie­ren des Karos auf dem Flip­chart-Papier. Aus Man­gel an „visu­el­len Wort­en” prak­ti­sch jedes Ele­ment bei­spiels­wei­se einer IT-Infra­struk­tur als not­dürf­tig beschrif­te­tes Recht­eck zu visua­li­sie­ren ist durch­aus ver­ständ­li­ch – warum diese Recht­ecke aller­dings auch noch das Karo igno­rie­rend krumm und schief auf das Papier gebracht wer­den, ist mir schlei­er­haft. Gera­de IT ist (inzwi­schen) nun ein­mal ziem­li­ch „eckig”; die Bran­che ist den Kin­der­schu­hen ent­wach­sen und an die Stel­le des Geni­al-Künst­le­ri­schen tre­ten zuneh­mend klas­si­sche Inge­nieur­tu­gen­den – und ein Inge­nieur, der krumm und schief zeich­net, würde wohl kaum ernst genom­men. Sich künst­le­ri­sch-anar­chi­sch dem Dik­tat des Karos nicht beu­gen zu wol­len, macht es nicht nur unnö­tig schwer, deut­li­ch zu zeich­nen, son­dern passt m. E. auch ein­fach nicht mehr zur Bran­che. Eine sau­be­re Soft­ware­ar­chi­tek­tur oder eine sta­bi­le IT-Infra­struk­tur soll­ten auch gezeich­net „ordent­li­ch” und pro­fes­sio­nell aus­se­hen. Zeich­nen und schrei­ben Sie mit dem Qua­li­täts­an­spruch, den Sie auch ver­mit­teln möch­ten!

(Selbst‑)​Wertschätzend visualisieren

Seine Inhal­te deut­li­ch und für ande­re ver­ständ­li­ch zu visua­li­sie­ren, ist eine Frage des Ernst­neh­mens – des Ernst­neh­mens sowohl der Zuhö­rer als auch der Inhal­te und damit schließ­li­ch auch des Sich-selbst-Ernst­neh­mens. Damit wird es prak­ti­sch zwangs­läu­fig eine Frage der ange­mes­se­nen Wert­schät­zung – für Sie selbst und für Ihr Publi­kum:

Ja, ich gebe mir mög­lich­st viel Mühe beim Zeich­nen und Schrei­ben – …
Sie sind es mir wert und …
meine Gedan­ken sind es mir wert!

Eben­so, wie man einen klu­gen Gedan­ken dadurch ent­wer­ten kann, ihn nur bei­läu­fig im Gespräch „fal­len zu las­sen” oder „in den Bart zu nuscheln”, kann man dies visu­ell tun, indem man ihn nur „schlam­pig aufs Flip­chart wirft”. Ent­wer­ten Sie Ihre Gedan­ken nicht durch lieb­lo­se Visua­li­sie­run­gen; geben Sie sich die Mühe und neh­men Sie sich die Zeit, die Ihren Gedan­ken und Ihren Zuhö­rern ange­mes­sen ist.

Fuß­no­ten:

  1.  Vgl. z. B. die „dual-coding theo­ry” von Allan Pai­vio.

2 Kommentare zu “Warum ist „schönes Zeichnen” wichtig?

  1. Toll auf den Punkt gebracht. Ich erle­be es stän­dig mit Inge­nieu­ren und Gei­stes­wis­sen­schaft­lern, dass ordent­li­ches Visua­li­sie­ren so ein Neben­ge­plän­kel für Aktio­ni­sten zu sein scheint, aber es doch eigent­li­ch reicht, wenn man sich halb­wegs ordent­li­ch oral aus­drückt. Gute Kern­punkt sind so nicht erfasst und wer­den zer­re­det.

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