Mindmaps in der Kommunikation – visuelle Telepathie?

Vor eini­gen Jah­ren nahm ich an einer Bespre­chung teil, die von einem Kol­le­gen durch das Ver­tei­len einer aus­ge­druck­ten Mind­map ein­ge­lei­tet wurde. Mein spon­tan und sicher­lich auch unüber­legt geäu­ßer­tes „Oh, so sieht es also in Dei­nem Gehirn aus?” wurde von den mei­sten Teil­neh­mern wenig humor­voll auf­ge­nom­men – und könn­te mir sicher­lich auch als wenig wert­schät­zend aus­ge­legt wer­den (Es tat mir auch sofort leid!). Den­noch rich­tig ist die die­ser scherz­haf­ten Anmer­kung inne­woh­nen­de Kri­tik – an der Metho­de, nicht an den zum Zeit­punkt der Äuße­rung noch gar nicht erfass­ten Inhal­ten und natür­lich auch nicht an der Per­son: Mei­nes Erach­tens sind Mind­maps zur Kom­mu­ni­ka­ti­on (z. B. als per Mail ver­sen­de­tes Doku­ment) oder auch zur visu­el­len Unter­stüt­zung von Kom­mu­ni­ka­ti­on (quasi als Prä­sen­ta­ti­on) mit ande­ren Men­schen nur sehr bedingt geeig­net, womög­lich gar voll­kom­men unge­eig­net – und dies erahn­te ich offen­bar schon zu einem Zeit­punkt, zu dem ich selbst noch oft und gern Mind­maps nutz­te.

Bei der Begrün­dung die­ser Posi­ti­on ist eine Fall­un­ter­schei­dung not­wen­dig: Einer­seits ist zu betrach­ten, was für „echte” Mind­maps im Sinne Tony Buz­ans (<http://​www​.tony​bu​zan​.com>) gilt, ande­rer­seits, was für quasi „unech­te” Mind­maps – also an Mind­maps ange­lehn­te ein­fa­che Baum­dia­gram­me – gilt:

„Echte” Mindmaps

Mind­maps nach Tony Buzan sind hoch­gra­dig visu­ell und ent­hal­ten sehr wenig tex­tu­el­len Inhalt – sämt­li­che Äste sind mit genau einem Wort beschriftet​1. Ver­fech­ter die­ser Art von Mind­maps gehen davon aus, dass die Metho­de quasi (vor allem durch die Late­ra­li­sa­ti­on) ver­bor­ge­ne Fähig­kei­ten des mensch­li­chen Gehirns (vor allem durch freie Asso­zia­ti­on und das stark Visu­el­le einer Mind­map) akti­viert.

Nimmt man nun an​2, dass die Metho­de auf genau diese Weise wirk­sam ist, ist eine Mind­map offen­sicht­lich etwas sehr Indi­vi­du­el­les und kei­nes­falls für die Kom­mu­ni­ka­ti­on geeig­net: Die Wirk­sam­keit ist Ergeb­nis des Erstel­lungspro­zes­ses (des Mind­map­pings durch ein Indi­vi­du­um), nicht des Ergeb­nis­ses (der fer­ti­gen Mind­map). Die fer­ti­ge Mind­map ist Resul­tat von sehr indi­vi­du­el­len Asso­zia­tio­nen, sie ist somit etwas sehr Per­sön­li­ches

Aus: Basil Wolverton: The Brain-Bats of Venus. In: Mr. Mystery #7 (Media Publications: 1952)Nimmt man den­noch über Buz­ans The­sen hin­aus an, dass der Anwen­dung der Metho­de die von Buzan beschrie­be­nen kogni­ti­ven Effek­te auch los­ge­löst vom Erstel­lungs­pro­zes­ses inne­woh­nen – etwas, was Buzan mei­nes Wis­sens nach nie behaup­tet hat –, hätte die Nut­zung einer fer­ti­gen „ech­ten” Mind­map als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel Ähn­lich­keit mit „visu­el­ler Tele­pa­thie”. Hier­für müss­te das im Pro­zess ange­leg­te indi­vi­du­ell Anre­gen­de ja in der fer­ti­gen Mind­map auf ein­mal uni­ver­sell für jeden wirk­sam quasi „gespei­chert” wor­den sein – eine mir sehr meta­phy­sisch wenn nicht gar magisch anmu­ten­de Annah­me.

Unab­hän­gig davon, ob man annimmt, dass die Metho­de im Sinne Buz­ans wirk­sam ist, sind seine Emp­feh­lun­gen zumin­dest für die Nut­zung als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel eher hin­der­lich: Die visu­el­len Inhal­te der Mind­map dürf­ten durch den von per­sön­li­chen Asso­zia­tio­nen gepräg­ten Pro­zess oft­mals nicht für ande­re nach­voll­zieh­bar sein und die Beschrän­kung auf genau ein Wort pro Ast (die eben­falls das Asso­zia­ti­ve unter­stüt­zen soll), dürf­te eben­falls nicht zur Ver­ständ­lich­keit bei­tra­gen.

„Einfache Baumdiagramme”

Unab­hän­gig von Buzan – also sowohl unab­hän­gig von einem Glau­ben an die Wirk­sam­keit der Metho­de als auch unab­hän­gig von den Beschrän­kun­gen sei­ner Emp­feh­lun­gen – ein­fach nur ein mehr oder min­der visu­el­les Baum­dia­gramm (eine „spi­der map” bzw. „com­mon mind map”​​3) zu zeich­nen, ist offen­kun­dig eben­falls nicht sinn­voll: Es gibt unter die­sen Vor­aus­set­zun­gen kei­nen mir ersicht­li­chen Grund, sich auf eine streng (mono‑)​hierarchische Struk­tur zu beschrän­ken; für fast jeden Sach­ver­halt dürf­te es bes­se­re visu­el­le Aus­drucks­for­men geben. Spä­te­stens im Falle sehr wenig visu­el­ler „spi­der maps” ist zudem der Unter­schied zu einer hier­ar­chi­schen Stich­punkt­li­ste („bul­let points”) mar­gi­nal – man könn­te eben­so gut Power­Point zu die­sem Zweck miss­brau­chen oder ein­fach gleich einen Glie­de­rungs­edi­tor („Out­li­ner”)​4 verwenden​5.

Ariel - Maud Tindal Atkinson - 1915Erhofft man sich von der Baum­struk­tur kei­nen spe­zi­fi­schen kogni­ti­ven Effekt, gibt es kei­nen Grund, sich dar­auf zu beschrän­ken – und viele Grün­de, seine visu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on krea­ti­ver zu gestal­ten.

Durch „in einen Baum gesperrt wer­den” der Frei­heit beraubt zu sein, ist ein erstaun­lich ver­brei­te­tes und bemer­kens­wert altes Motiv – so sperrt zum Bei­spiel Nimue Mer­lin im Lan­ce­lot-Gral-Zyklus in einen Baum, ähn­li­ches ist in Shake­speares „Sturm” („The Tem­pest”) über Ariel zu lesen. „In einen Baum sper­ren” ist offen­kun­dig ein Inbe­griff der Ver­dam­mung zur Untä­tig­keit – und damit auch zur Unwirk­sam­keit. Tun Sie das weder Ihren Gedan­ken noch Ihrer (visu­el­len) Kom­mu­ni­ka­ti­on grund­los an!

Zusammenfassung – oder: tl;dr

Die Nut­zung von Mind­maps als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel erscheint mir unsin­nig:

  • Glaubt man an den kogni­ti­ven Effekt der Metho­de, ist er indi­vi­du­ell und Ergeb­nis des Ent­ste­hungspro­zes­ses der Mind­map – und nicht etwa Eigen­schaft der fer­ti­gen Mind­map, die wei­ter­ge­ge­ben (lies: kom­mu­ni­ziert) wer­den könn­te. Hält man sich an Tony Buz­ans das Design ein­schrän­ken­de Vor­ga­ben, ist die Mind­map zudem für ande­re meist kaum ver­ständ­lich.
  • Glaubt man nicht an den kogni­ti­ven Effekt der Metho­de, gibt es kei­nen mir sinn­voll erschei­nen­den Grund, visu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on auf baum­för­mi­ge Struk­tu­ren zu beschrän­ken. Nut­zen Sie für Ihre visu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on die geeig­net­ste Dar­stel­lungs­form – und die dürf­te in den sel­ten­sten Fäl­len baum­för­mig sein.

 

Fuß­no­ten:

  1.  Vgl. <http://​www​.tony​bu​zan​.com/​a​b​o​u​t​/​m​i​n​d-mapping/> (30.03.2014).
  2.  Ich tue es nicht – vgl. „Mind­maps – trotz Karte im eige­nen Hirn ver­irrt?”. Vie­les von dem hier Beschrie­be­nen fin­det sich bereits dort – mir erschien es den­noch ange­mes­sen, dem Aspekt der visu­el­len Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Mind­maps einen eige­nen Arti­kel zu wid­men.
  3.  Zum Unter­schied zwi­schen „com­mon mind maps” und „Buzan mind maps” vgl. <http://​www​.infor​ma​ti​on​t​amers​.com/​W​i​k​I​T​/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​t​i​t​l​e​=​C​o​m​m​o​n​_​m​i​n​d​_​m​a​p​s​&​a​m​p​;​oldid=4974> (30.03.2024).
  4.  Bemer­kens­wert erscheint mir an die­ser Stel­le, dass Dave Winers (<http://​dave​wi​ner​.com>) Glie­de­rungs­edi­tor „MORE” zu den Früh­zei­ten des com­pu­ter­ge­stütz­ten Prä­sen­tie­rens durch­aus als poten­ti­el­le Kon­kur­renz zu Power­Point wahr­ge­nom­men wurde. Vgl. Gas­kins, Robert: Swea­ting Bul­lets: Notes about Inven­ting Power­Point. San Fran­cis­co and Lon­don: Vin­land Books (2012), S. 137 – 140.
  5.  Manch eine als Prä­sen­ta­ti­ons­er­satz ver­wen­de­te vor­geb­li­che Mind­map wirkt, als sei die Dar­stel­lungs­form vor allem gewählt wor­den, um aus­nahms­wei­se ein­mal Power­Point zu ver­mei­den, um „mal anders zu prä­sen­tie­ren” – zu die­sem Zweck würde ich eher mit Prezi <http://​prezi​.com> o. ä. expe­ri­men­tie­ren.

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