Von Kanban, der TOC und ganz viel Baggermatsch

Ich dach­te immer, die Eng­pass­ori­en­tie­rung von Eli­ya­hu M. Gold­ratts „Theo­ry of Cons­traints“ (TOC) läge mir so nahe, weil sie so „phy­si­ka­lisch“ ist. In Wirk­lich­keit liegt das aber an mei­ner bag­ger­mat­sch­las­ti­gen Kindheit. 

Der (Arbeits‑)​Fluss wird vom Engpass begrenztDer Zusam­men­hang mag etwas weit her­ge­holt erschei­nen und viel­leicht liegt es auch ein­fach nur ein­fach dar­an, dass ich direkt im Anschluss an ein Kan­ban-Trai­ning mit einem Kind in einem mat­schi­gen Gra­ben stand und mein Grund­stück zu ent­wäs­sern ver­such­te: Ent­wäs­sern scheint mir tat­säch­lich sehr viel mit Eng­pass­ori­en­tie­rung zu tun zu haben – und das habe ich schon als Kind im Matsch durch eige­nes Erle­ben und nicht zuletzt von mei­nem (eben­so gern bud­deln­den) Vater gelernt:

  • Das Sys­tem wird vom Eng­pass begrenzt: Der den Was­ser­fluss limi­tie­ren­de Fak­tor ist immer die engs­te bzw. flachs­te Stel­le des Gra­bens. Möch­te man den Durch­satz stei­gern – die Pfüt­ze (oder in die­sem Fall: das gan­ze Grund­stück) schnel­ler ent­wäs­sern –, muss man genau dort im Matsch graben.
  • Eine Ver­bes­se­rung vor dem Eng­pass im (Arbeits‑)​Fluss bringt über­haupt nichts: Bud­de­le ich fluss­auf­wärts von der engs­ten oder flachs­ten Stel­le, erzeu­ge ich zwar beein­dru­cken­de Men­gen tol­len Matsch, aber es fließt weder schnel­ler noch mehr – im Gegen­teil: Der auf­ge­wir­bel­te Matsch ver­stopft mir womög­lich die Eng­stel­le. Meist brau­che ich kei­nen Stau­see vor dem Eng­pass – zu wenig Was­ser ist beim Ent­wäs­sern sel­ten das Pro­blem und von voll­ge­lau­fe­nen Gum­mi­stie­feln ist noch kein Feld tro­cken­ge­legt worden​1.
  • Eben­so sinn­los ist eine Ver­bes­se­rung nach dem Eng­pass im (Arbeits‑)​Fluss: Da die Was­ser­men­ge von der davor­lie­gen­den Eng­stel­le begrenzt ist, füllt sich ein über­mä­ßig gro­ßer Gra­ben dahin­ter höchs­tens mit einem wenig beein­dru­cken­den Rinn­sal. Alle Bud­de­lei nach der Eng­stel­le ist umsonst – es sei denn, ich berei­te mich auf eine geplan­te Ver­brei­te­rung der bis­he­ri­gen Eng­stel­le vor.
  • Neue Engpässe im (Arbeits‑)​Fluss entstehen manchmal schneller als man denktNeue Eng­päs­se im (Arbeits‑)​Fluss ent­ste­hen manch­mal schnel­ler, als man denkt – und oft ahnt man es sogar vor­her: Ragen Baum­wur­zeln in den Gra­ben, fließt das Was­ser zwar anfäng­lich pro­blem­los hin­durch – genau dort kön­nen sich aber in kür­zes­ter Zeit Stö­cker, Blät­ter und Schlamm zu einem Damm auf­tür­men, der den geneig­ten Bag­ger­matsch-Damm-Bau­er vor Neid erblas­sen lässt. Möch­te man nicht mit kind­li­cher Prag­ma­tik ein­fach schnell auf das Stau­däm­me bau­en umstei­gen, son­dern nach­hal­tig ent­wäs­sern, gilt es, hier Vor­keh­run­gen zu tref­fen – also z. B. baum­scho­nend um die Wur­zeln her­um zu buddeln.
  • WiP-Limits ver­min­dern die Durch­lauf­zeit, erhö­hen aber nicht zwin­gend den Durch­satz: An der Eng­stel­le rast ein Papier­schiff­chen zwar förm­lich den Fluss hin­ab, die Strom­schnel­len sind in kür­zes­ter Zeit pas­siert und das Schiff kommt viel schnel­ler an als erwar­tet – die Pfüt­ze wird aber trotz­dem nicht schnel­ler leer, der Durch­fluss wird nun ein­mal durch die Eng­stel­le begrenzt. Egal, wie schnell das Schiff den Strom hin­ab­schau­kelt: Möch­te ich die Pfüt­ze schnel­ler leer machen, muss ich genau dort zu bud­deln begin­nen, wo es am schnells­ten schwamm.
  • Habe ich den einen Eng­pass im (Arbeits‑)​Fluss beho­ben, ent­steht sofort ein neu­er Eng­pass: Mein Fluss hat immer eine engs­te Stel­le. Bud­de­le ich genau dort und erwei­te­re oder ver­tie­fe die­se Stel­le, ist eine ande­re Stel­le am Fluss­lauf die neue Eng­stel­le. Kurz: Es gibt immer etwas zu bud­deln – bis mir das Was­ser aus­geht, ich alles tro­cken­ge­legt habe.
  • In gesät­tig­ten Märk­ten gibt es kei­nen Absatz und die Pro­duk­ti­on kommt zum Still­stand: Gibt es kein Gefäl­le oder habe ich so viel Was­ser flie­ßen las­sen, dass die Was­ser­stän­de aus­ge­gli­chen sind, hört das Was­ser auf zu flie­ßen – und selbst, wenn ich es in eine Rich­tung „schau­fe­le“: Es fließt ein­fach zurück. Übrig bleibt viel Baggermatsch.

Pfüt­zen, Grä­ben und dem Wet­ter sei Dank: Fast alles, was man über Eng­pass­ori­en­tie­rung, Eli­ya­hu M. Gold­ratts „Theo­ry of Cons­traints“ und das Mana­gen des „Flows“ wis­sen muss, hat man meist schon als Kind im Bag­ger­matsch gelernt – war­um bloß lau­fen Erwach­se­nen im „Flow“ der Arbeit trotz­dem immer die Gum­mi­stie­fel voll?

Fuß­no­ten:

  1.  Die viel weni­ger hohen Gum­mi­stie­fel von Kin­dern sind hier gera­de bei sehr kal­ten Was­ser übri­gens ein guter Frühindikator.

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