Vor einiger Zeit las ich einen Blog-Artikel mit dem für mich extrem einladenden Titel „Introducing the Lean Meeting: How to Get Rid of the #1 Time Suck“, in dem eine für mein Empfinden sehr radikale Version von „Lean Meetings“ beschrieben wird, die grundsätzlich in maximal 12 Minuten ausschließlich genau ein Thema bearbeiten bzw. genau einem Zwecke/Ziel dienen und dabei möglichst jedwede soziale Komponente vermeiden1.
Dieser Ansatz erscheint mir offen gestanden dann doch eher verwegen.
So sehr ich Timeboxing auch liebe (vgl. hier) und so richtig ich es auch finde, ein Meeting auf möglichst nur genau ein Ziel zu beschränken (vgl. hier) – so viel m. E. Richtiges sich in dem Artikel findet: Eine absolute Beschränkung auf 12 Minuten unabhängig von Thema, Ziel und Teilnehmeranzahl erscheint mir weder sinnvoll noch per se „Lean“ – und die vorgeschlagene Vermeidung des Sozialen vielen Organisationskulturen gerade in Zeiten des Homeoffices wenig angemessen2.
Dennoch stellt sich mir die Frage: Wann nun würde ich ein Meeting für „lean“ halten?
Mir persönlich fallen dazu in erster Linie vier Aspekte ein:
- Das Meeting sollte idealerweise einen Kundennutzen erzeugen oder zumindest einem wirklich für die Organisation relevanten und erreichbaren Ziel (vgl. hier) dienen. Kann man die Frage „Was ist nach der Besprechung [für den Kunden | für die Organisation i. S. ihrer Ziele] wirklich besser?“ nicht wirklich sicher beantworten, dürfte das Meeting eher nicht das Attribut „lean“ verdienen, womöglich gar sinnlos sein.
- Die Besprechung sollte frei von Verschwendung („Muda“, 無駄) sein:
- Es sollte möglichst keine Wartezeiten geben – die Teilnehmer sollten weder viel zu früh noch zu spät da sein und das Meeting sollte pünktlich starten – nicht zuletzt auch eine Frage des Respekts, also eines weiteren vielzitierten „leanen“ Wertes.
- Reisezeiten sollten wenn möglich vermieden werden; was virtuell als Online-Meeting möglich und sinnvoll ist (vgl. hier), sollte auch als Videokonferenz durchgeführt werden. Hybride Meetings allerdings würde ich eher vermeiden (vgl. hier) – es sei denn, die Gruppe ist darin bezüglich ihrer Kommunikations-Dynamik wirklich geübt und die technische Ausstattung wirklich geeignet.
- Es sollten nur diejenigen Menschen eingeladen werden, die auch zum Erreichen des Meeting-Ziels bzw. Kundennutzens unmittelbar notwendig sind. Insbesondere sollten Menschen, die lediglich das Ergebnis der Besprechung erfahren sollten, aber nicht zwingend am Prozess beteiligt sein müssen, asynchron im Anschluss an das Meeting informiert werden (vgl. hier). Andererseits sollten auch wirklich alle, die zum Erreichen des Ziel nötig sind, auch da sein – andernfalls sollte das Meeting frühzeitig vertagt werden, da das Ziel nicht mehr erreichbar ist.
- Das Meeting sollte nur so lange dauern, wie nötig. Gezieltes Timeboxing kann dabei ungemein helfen (vgl. hier) – und eine methodisch, vielleicht aber auch fachlich qualifizierte, stringente Moderation ebenfalls.
- Besprechungen, die nur ein Thema bzw. Ziel haben, lassen sich genauer timeboxen und der Teilnehmerkreis lässt sich zielgerichteter eingrenzen (vgl. hier) – gerade auch letzteres vermeidet viel verschwendete (Teilnehmer‑)Zeit.
- Alle Teilnehmer sollten vorbereitet sein – inhaltlich, aber im Falle von Online-Meetings auch technisch3. Gerade für die inhaltliche Vorbereitung sind Vorab-Informationen über Thema und Ziel des Meetings, aber auch ein angemessener Vorlauf notwendig.
- Jeder im Meeting sollte die „Reißleine“ ziehen können – und sich auch dazu ermutigt fühlen! Analog zum Andon-Prinzip (行灯) sollte jeder Teilnehmer, dem auffällt, dass etwas schiefläuft – das Meeting bspw. sinnlos geworden ist, das Ziel bzw. der Kundennutzen nicht (mehr) erreichbar ist, die falschen Menschen teilnehmen oder wichtige Menschen fehlen – Alarm schlagen und gemeinsam unmittelbar mit der Lösung dieses Problems begonnen werden. Im Zweifel wird dies oftmals heißen, dass die Besprechung abgebrochen oder vertagt werden muss – potentiell aber auch sehr viel Zeitverschwendung vermieden wird!
- Sowohl Effektivität als auch Effizienz des Vorgehens sollten hinterfragt, idealerweise sogar gemessen und i. S. von Kaizen (改善) kontinuierlich verbessert werden. „Wurde das Ziel/der Kundennutzen erreicht?“ und „Wäre das Ziel/der Kundennutzen anders oder gar auf anderem Wege effizienter erreichbar gewesen?“ sind hier die Schlüsselfragen – und den Kunden oder zumindest dessen antizipierte Perspektive als den Maßstab in die Bewertung mit einzubeziehen, erscheint mir sehr naheliegend und nicht zuletzt auch „lean“. Eine einfache Messung in Bezug auf die Frage, ob die richtigen Menschen im richtigen Meeting saßen, stellt beispielsweise das sog. „ROTI-Feedback“4 dar, eine einfache, aber effektive Methode, Verbesserungsmöglichkeiten gemeinsam zu identifizieren, die „Start-Stop-Continue“-Methode5. Auf welchem Wege auch immer: Auf jeden Fall sollte m. E. in beiden Dimensionen – der individuellen, aber auch der gemeinsam-prozessualen – regelmäßig ein verbesserungs-orientierter Review erfolgen.
- Den Verlauf gerade multi-thematischer Meetings jetzt (ähnlich wie beim „Lean Coffee“6) auch noch mittels einer begleitenden Visualisierung zu strukturieren, ist im Sinne von „Lean“ m. E. zwar weder hinreichend noch notwendig, aber sicherlich ein schönes Tüpfelchen auf dem „i“.
Ob Meetings dann im Ergebnis wirklich im engeren Sinne „lean“ werden, weiß ich ehrlich gesagt nicht, „schlanker“ aber werden sie so m. E. auf jeden Fall – im Interesse der Organisation, aber auch im Interesse der teilnehmenden Menschen.
Footnotes:
- ↑ Vgl. <https://leanstartup.co/have-more-meetings-but-keep-them-short/> (14.02.2026).
- ↑ Diese Komponente lässt sich allerdings auch sehr gut an die Ränder des Meetings verlagern, vgl. hier und hier.
- ↑ Mein ceterum censeo an dieser Stelle: „Drei gute Gründe, in Videokonferenzen möglichst immer ein Headset zu benutzen – ein Plädoyer“.
- ↑ Vgl. bspw. <https://t2informatik.de/wissen-kompakt/roti-feedback/> (14.02.2026).
- ↑ Vgl. bspw. <https://t2informatik.de/wissen-kompakt/start-stop-continue-retrospektive/> (14.02.2026).
- ↑ Vgl. bspw. <https://t2informatik.de/wissen-kompakt/lean-coffee/> (14.02.2026).


