Guter Vortrag – trotz der Slides (Teil 3)

Handouts – der Epitext der Präsentation?

Neben dem eigent­li­chen Vor­trag und der dazu­ge­hö­ri­gen Prä­sen­ta­ti­on exi­stiert häu­fig quasi epi­textu­ell noch das sog. Han­dout – heut­zu­ta­ge in aller Regel wenig „hand­li­ch”, son­dern digi­tal als im Ori­gi­nal oder als unver­än­der­li­che PDF wei­ter­ge­ge­be­ne Datei. Die Ent­wick­lung zum Digi­ta­len hat hier vor allem einen Vor­teil: Sie spart Papier.

Die Unsit­te, die Sli­des dem Publi­kum bereits zu Beginn des Vor­trags aus­ge­druckt zur Ver­fü­gung zu stel­len, ist vor allem eines: eine mas­si­ve Ver­stär­kung des „gleich­zei­tig lesen und zuhören”-Problems. Wirk­li­ch hilf­reich waren diese Han­douts mei­nes Erach­tens nie: Men­schen, die in Vor­trä­gen tat­säch­li­ch mit­schrei­ben, tun dies auf eine indi­vi­du­ell ver­schie­de­ne, sehr spe­zi­fi­sche Weise1. Die­sen Men­schen ist mit vorab gedruck­ten Foli­en mit spär­li­ch reser­vier­tem Platz für Noti­zen kaum gehol­fen. Die große Mehr­heit der Men­schen, die nicht mit­schrei­ben, wird durch Han­douts eben­falls kei­nes­falls dazu ani­miert – im Gegen­teil: Was gäbe es aus ihrer Sicht denn noch mit­zu­schrei­ben, wenn bereits alles aus­ge­druckt ist?! Außer der Papier-, Drucker- und Toner-Indu­strie pro­fi­tiert also in den mei­sten Fäl­len prak­ti­sch nie­mand von einem gedruck­ten Han­dout.

Inter­es­san­ter­wei­se sieht es für die digi­tal nach der Ver­an­stal­tung ver­sand­ten Prä­sen­ta­tio­nen kaum bes­ser aus: Habe ich nicht doch (hof­fent­li­ch ver­se­hent­li­ch) Sli­de­u­ments erstellt, sind die Foli­en bereits eini­ge Tage spä­ter ohne die „Ton­spur” in der Regel kaum ver­ständ­li­ch oder schlimm­sten­falls gar miss­ver­ständ­li­ch. Die Sli­des digi­tal zu ver­sen­den ist also in der Regel nur sinn­voll, wenn man aus gutem Grund möch­te, dass die Sli­des beim Publi­kum in repro­du­zier­ba­rer Form vor­lie­gen – z. B., weil man das Publi­kum als poten­ti­el­len Mul­ti­pli­ka­tor betrach­tet, der die Vor­trags­in­hal­te wei­ter­trägt und die Foli­en dafür ganz oder teil­wei­se „recy­cled”. In Wirk­lich­keit aber wer­den die mei­sten Prä­sen­ta­tio­nen vor allem des­we­gen wei­ter­ge­ge­ben, weil es schlicht­weg als selbst­ver­ständ­li­ch gilt – und expli­zit dana­ch gefragt wird.

In der Wahr­neh­mung der Men­schen sind die Sli­des eben nicht para­tex­tu­ell, son­dern neh­men tat­säch­li­ch inzwi­schen den Stel­len­wert eines „Power­Point-Zen­tral­tex­tes”​2 ein – anders ist letzt­li­ch auch der Erfolg von Dien­sten wie Sli­deSha­re (<http://​www​.sli​desha​re​.net/>) kaum zu erklä­ren. Manch­mal werde ich doch kul­tur­pes­si­mi­sti­sch: Die Wei­ter­ga­be von in leicht ver­dau­li­che Foli­en-Häpp­chen gequan­tel­ten textu­el­len oder visu­el­len Infor­ma­ti­ons-Brocken wird hier gleich­ge­setzt mit einem ech­ten Wis­sens­trans­fer. Frü­her beschli­ch mich gera­de beim Besu­ch gei­stes­wis­sen­schaft­li­cher Biblio­the­ken oft­mals der Ein­druck, Stu­die­ren bestün­de mehr aus Kopie­ren denn aus Lesen; ein Inhalt schien erst in kopiert als wirk­li­ch rezep­tiert betrach­tet. Die Kopier­wut der Acht­zi­ger und Neun­zi­ger hat in den am Ende doch nur Prä­sen­ta­ti­ons­da­tei­en ver­tei­len­den „Lern­platt­for­men” ihren wür­di­gen Nach­fol­ger gefun­den.

Was also tun, um die Vor­trags­in­hal­te auch für die­je­ni­gen Zuhö­rer zu kon­ser­vie­ren, die sich nicht selbst­ver­ant­wort­li­ch durch eine eige­ne Mit­schrift darum küm­mern? Nahe­lie­gend erschei­nen mir zwei Mög­lich­kei­ten:

  • Das Erstel­len eines tat­säch­li­ch eigen­stän­di­gen Epi­tex­tes, z. B. eines um aus­sa­ge­kräf­ti­gen Visua­li­sie­run­gen der Kern-Foli­en ange­ord­ne­ten Abstrakts bis hin zu einer ver­schrift­lich­ten Ver­si­on des Vor­trags selbst oder
  • das Auf­zeich­nen des kom­plet­ten Vor­trags als Video oder „ver­ton­te Prä­sen­ta­ti­on”.

Das „Ver­to­nen” der Prä­sen­ta­ti­on wird von den mei­sten Soft­ware­pro­duk­ten inzwi­schen direkt unter­stützt und die mul­ti­me­dia­le Aus­stat­tung moder­ner Arbeits­plät­ze redu­ziert die tech­ni­schen Hür­den erheb­li­ch. Der Vor­gang des „Ver­to­nens” kann sogar Bestand­teil der eigent­li­chen Text­fin­dung (elo­cu­tio) und der Ein­übung (memo­ria) wer­den.

Ähn­li­ch vor­teil­haft lässt sich die Video-Auf­zeich­nung nut­zen – prak­ti­sch jeder, der sich selbst schon ein­mal beim Vor­trag beob­ach­tet hat, wird es bestä­ti­gen kön­nen: Die kri­ti­sche Selbst­be­trach­tung ermög­licht unge­ahn­te Ver­bes­se­run­gen min­de­stens des Vor­trags­stils. Der scho­nungs­lo­se Blick auf das Selbst mit Hilfe der „Augen” der Kame­ra ermög­licht zumin­dest einen klei­nen Ein­druck davon, was hin­ter dem blin­den Fleck des Joha­ri-Fen­sters lau­ern mag – meist viel weni­ger Schlim­mes, als die eige­ne Kame­ra-Angst zuvor ver­mu­ten ließ. Hat man sich erst ein­mal zur Video-Auf­zeich­nung über­wun­den (und mit dem Ergeb­nis wohl­wol­lend-selbst­wert­schät­zend abge­fun­den), steht einer Ver­öf­fent­li­chung auf ein­schlä­gi­gen Video-Platt­for­men zumin­dest tech­ni­sch nichts im Wege. Dies ist die sicher­li­ch effek­tiv­ste Metho­de, die Inhal­te des Vor­trags nicht nur für das Publi­kum zu kon­ser­vie­ren, son­dern sogar sinn­voll einem brei­te­ren Publi­kum zugäng­li­ch zu machen.

Der vier­te Teil die­ser Reihe wid­met sich dem Visu­el­len – dem eigent­li­chen Foli­en-Desi­gn.

Fuß­no­ten:

  1.  Vgl. z. B. <http://​sun​ni​brown​.com/​d​o​o​d​l​e​r​evolution/>, aber auch ganz klas­si­sch z. B. Cor­nell Notes.
  2.  Vgl. Joa­chim Knape, Power­point in rhe­to­rikt­herore­ti­scher Sicht, 2007 In: Schnett­ler, Bernt; Knob­lauch, Hubert (Hrsg.), Power­point-Prä­sen­ta­tio­nen. Neue For­men der gesell­schaft­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on von Wis­sen. UVK Ver­lags­ge­sell­schaft. Kon­stanz: 2007. S. 53 – 66.

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