Flipchart- und Whiteboard-Fotos entzerren mit GIMP

Eben­so, wie es zum guten Ton gehört, zu kei­ner Bespre­chung ohne Agen­da (womög­lich ergänzt durch vor­be­rei­ten­des Mate­ri­al) ein­zu­la­den, soll­te keine Bespre­chung undo­ku­men­tiert blei­ben. Aus die­sem Grund ist dem Thema „Doku­men­tie­ren“ in den „Com­pu­ter­ma­lern“ ein gan­zes Kapi­tel (S. 107 ff.) gewid­met – unter ande­rem mit dem Hin­weis, man solle ver­zerr­te Bil­der mög­lichst ver­mei­den. In der Pra­xis ist dies aller­dings häu­fig nicht mög­lich, und so ent­ste­hen – sei es aus Hek­tik oder auf­grund der Raum- oder Beleuch­tungs-Situa­ti­on – womög­lich stark ver­zerr­te Bil­der, die unbe­ar­bei­tet kaum in ein ernst­zu­neh­men­des Foto­pro­to­koll über­nom­men wer­den kön­nen:

Whiteboard- oder Flipchart-Foto - Original

In hohem Maße ver­zerr­te Flip­chart- oder White­board-Bil­der (oder auch abfo­to­gra­fier­te Doku­men­te wie z. B. Sketch­no­tes) für ein pro­fes­sio­nel­les Foto­pro­to­koll zu ret­ten, ist Gegen­stand die­ses Arti­kels. Damit diese Anlei­tung wirk­lich für jeder­mann ohne Inves­ti­ti­on in Spe­zi­al-Soft­ware oder -Apps umsetz­bar ist, basiert sie auf der frei­en Bild­be­ar­bei­tungs­soft­ware GIMP (<http://​www​.gimp​.org>) – die in vie­len Fäl­len mit ein wenig mehr Hand­ar­beit übri­gens auch bes­se­re Ergeb­nis­se lie­fert als die eine oder ande­re spe­zi­ell für die­sen Zweck vor­ge­se­he­ne App.

Schritt 1 – Perspektivische Verzerrung

Zuerst gilt es, die eigent­li­che per­spek­ti­vi­sche Ver­zer­rung zu kor­ri­gie­ren, die dadurch ent­stan­den ist, dass die Kame­ra (oder meist das Mobil­te­le­fon) nicht exakt über dem Mit­tel­punkt der Zeich­nung posi­tio­niert wer­den konn­te. GIMP bie­tet hier­für das „Perspective“-Werkzeug (dt. „Per­spek­ti­ve“), das in einem quasi umge­kehrt rech­nen­den Modus („Cor­rec­tive (Back­ward)“, dt. „Kor­ri­gie­rend (Rück­wärts)“) gleich­zei­tig ent­zerrt und geeig­net zuschnei­det:
Schritt 1.1 - Whiteboard- oder Flipchart-Foto - Perspektive - WerkzeugDer Git­ter­rah­men des Werk­zeugs soll­te mög­lichst exakt auf die Ecken des eigent­li­chen (Flipchart‑)​Papiers oder des White­boards posi­tio­niert werden​1: Schritt 1.2 - Whiteboard- oder Flipchart-Foto - Perspektive (1)Hier­bei hilft es, die Ansicht ggf. mit der +-Taste zu ver­grö­ßern:
Schritt 1.3 - Whiteboard- oder Flipchart-Foto - Perspektive (vergrößert)Der Inhalt des Git­ter­rah­mens wird nach einem Klick auf „Trans­form“ (dt. „Trans­for­ma­ti­on“) in eine recht­ecki­ge Form trans­for­miert …
Schritt 1.4 - Whiteboard- oder Flipchart-Foto - Perspektive (2)
… und alles „Über­ste­hen­de“ wird abge­schnit­ten:
Schritt 1.5 - Whiteboard- oder Flipchart-Foto - Perspektive - entzerrtDas Pro­blem der per­spek­ti­vi­schen Ver­zer­rung ist nun gelöst. Haben Sie mit einem Objek­tiv foto­gra­fiert, das auch noch stark ver­zeich­net (sind also die Kan­ten Ihres Papiers bau­chig nach außen gebo­gen – gera­de bei den sehr weit­win­ke­li­gen Objek­ti­ven eini­ger Mobil­te­le­fo­ne durch­aus denk­bar), hilft Ihnen übri­gens die­ser Hin­weis wei­ter.

Schritt 2 – Skalierung und Seitenverhältnis

GIMPs „Perspective“-Werkzeug ent­zerrt die per­spek­ti­vi­sche Ver­zer­rung, indem es das selek­tier­te Tetra­gon in eine recht­ecki­ge Form „rech­net“ – wel­ches Sei­ten­ver­hält­nis dabei ent­steht, ist aller­dings quasi dem Zufall über­las­sen: GIMP lie­gen dazu keine Infor­ma­tio­nen vor; das Ergeb­nis kann also durch­aus erheb­lich nicht-pro­por­tio­nal ver­zerrt sein (ein Pro­blem, an dem übri­gens viele Apps kranken​2):

Flipchart-Karo nicht-proportional verzerrt

Soll­ten Ihre Karos (bzw. die Zeich­nung selbst) eini­ger­ma­ßen plau­si­bel ska­liert aus­se­hen, kön­nen Sie auf die­sen Schritt ver­zich­ten. Andern­falls gilt es, das bis­he­ri­ge Ergeb­nis noch in das kor­rek­te Sei­ten­ver­hält­nis zu ska­lie­ren. Die­ses muss man aller­dings erst ein­mal ken­nen – was nicht in jedem Fall tri­vi­al ist:

  • DIN-Papie­re wei­sen grund­sätz­lich ein Sei­ten­ver­hält­nis von √2:1 ≈ 1,414… : 1 auf​3.
  • Flip­chart-Papier ist fast immer 99 cm hoch, von denen man meist 4 – 5 cm für den obe­ren Rand abzie­hen muss. Die Brei­te von Flip­chart-Papier ist lei­der weni­ger genormt: Je nach Her­stel­ler fin­den sich hier Werte von 65 cm (Leg­a­mas­ter) bis 69 cm und dem­entspre­chend Sei­ten­ver­hält­nis­se von 1,523 bis 1,435. Kennt man die exak­ten Maße nicht oder hat man nur einen Teil des Flip­chart-Blat­tes foto­gra­fiert, las­sen sich diese aber zumin­dest im Falle von karier­tem Papier recht ein­fach „aus­zäh­len“: Die Karos sind in der Regel ca. 2,5 cm​4 groß – und soll­ten nach Kor­rek­tur des Sei­ten­ver­hält­nis­ses mög­lichst exakt qua­dra­tisch sein.
  • Leg­a­mas­ter Magic-Charts wei­sen ein Sei­ten­ver­hält­nis von 80 cm : 60 cm = 1,333… auf, Post-it Mee­ting Charts eines von 76,2 cm : 63,5 cm = 1,2 auf.
  • Für White­boards exis­tie­ren keine ein­heit­li­chen Grö­ßen. Viele han­dels­üb­li­che White­boards wei­sen aber den­noch ent­we­der ein Sei­ten­ver­hält­nis von 1,5 : 1 oder von 1,333… : 1 auf, Aus­nah­men wie bei­spiels­wei­se extra-brei­te White­boards sind jedoch alles ande­re als sel­ten – im Zwei­fel hilft hier nur der Zoll­stock.

Auf jeden Fall benö­tigt man für das Ska­lie­ren („Image“ → „Scale Image…“ , dt. „Bild“ → „Ska­lie­ren“) den berühmt-berüch­tig­ten Drei­satz; am ein­fachs­ten ist es sicher­lich, den klei­ne­ren der bei­den Werte (die klei­ne Seite) mit dem Sei­ten­ver­hält­nis (dem Wert des Bruchs, für DIN-Papier z. B. √2:1 ≈ 1,414…) zu mul­ti­pli­zie­ren und das Ergeb­nis in das Feld des grö­ße­ren Wer­tes (der lan­gen Seite) ein­zu­tra­gen:
Schritt 2 - Whiteboard- oder Flipchart-Foto - skalieren anhand des Seitenverhältnisses

Schritt 3 – Manueller Weißabgleich

In aller Regel foto­gra­fiert man Flip­charts und White­boards im Kunst­licht und unter nur sehr mäßig guten Licht­ver­hält­nis­sen – ein Bespre­chungs­raum ist lei­der kein Foto­stu­dio und in den sel­tens­ten Fäl­len licht­durch­flu­tet. Dem­entspre­chend erscheint das Flip­chart-Papier oder auch das White­board meist nicht weiß, son­dern bes­ten­falls grau und schlech­tes­ten­falls in einem von der jewei­li­gen Beleuch­tung abhän­gen­den Farb­stich. In den meis­ten Fäl­len dürf­te min­des­tens ein auto­ma­ti­scher Weiß­ab­gleich durch GIMP („Colors“ → „Auto“ → „White Balan­ce“, dt. „Far­ben“ → „Auto­ma­tisch“ → „Weiß­ab­gleich“) erfor­der­lich sein. Meist emp­fiehlt es sich, nicht auf den Auto­ma­tis­mus zurück­zu­grei­fen, son­dern manu­ell einen „Weiß­punkt“ aus­zu­su­chen („Colors“ → „Levels“, dt. „Far­ben“ → „Werte“); hier­zu nutzt man nach Auf­ruf des Dia­logs die rech­te Pipet­te und selek­tiert einen „durch­schnitt­li­chen“ Hin­ter­grund­punkt:

Schritt 3 - Whiteboard- oder Flipchart-Foto - manueller Weißabgleich - WerkzeugBei Bedarf kann man zusätz­lich an den drei drei­ecki­gen Reg­lern unter­halb der „Input Levels“-Anzeige (dt. „Quell­wer­te“) manu­ell Tie­fen auf­hel­len oder Lich­ter abdun­keln. Im Ergeb­nis erhält man ein eini­ger­ma­ßen aus­ge­gli­che­nes Foto des Flip­charts:

Whiteboard- oder Flipchart-Foto - Ergebnis

Deut­lich ein­fa­cher gestal­tet sich die­ser letz­te Schritt bei Fotos von White­board-Zeich­nun­gen – um diese zu „säu­bern“ und auf die eigent­li­che Zeich­nung zu redu­zie­ren, gibt es ein her­vor­ra­gen­des GIMP-Script.

Zehn wei­te­re Hin­wei­se zu der Frage, was es neben der Bild­auf­be­rei­tung m. E. bei Foto­pro­to­kol­len – vor allem auch inhalt­lich – zu beach­ten gilt, fin­den Sie übri­gens in die­sem Buch­aus­zug aus den „Com­pu­ter­ma­lern“.

Fuß­no­ten:

  1.  Oder auf extra erstell­te Mar­kie­run­gen, die ein Recht­eck eines bekann­ten Sei­ten­ver­hält­nis­ses bil­den – hilf­reich z. B. im Falle von klei­ne­ren Zeich­nun­gen oder Sketch­no­tes und falls das Foto nicht das ganze Blatt Papier abdeckt.
  2.  Des­we­gen ist z. B. White­li­nes Link (<http://​white​li​nes​.se/link/>) auf spe­zi­fi­sches Papier mit bekann­tem Sei­ten­ver­hält­nis aus­ge­legt.
  3.  Die­ses Sei­ten­ver­hält­nis hat den unschlag­ba­ren Vor­teil, sich durch Hal­bie­ren nicht zu ändern.
  4.  Oder womög­lich 2,54 cm = 1″?

2 Replies to “Flipchart- und Whiteboard-Fotos entzerren mit GIMP”

  1. Einer der bes­ten Arti­kel, die ich in letz­ter Zeit gele­sen habe! Das ein­zig Schlech­te daran ist, dass er mir nicht selbst für mei­nen Blog ein­ge­fal­len ist… :Die

    Vie­len Dank!

    • Danke! – und ich bin mir sicher: Es blei­ben noch aus­rei­chend Arti­kel zu die­sem The­men­be­reich, die end­lich geschrie­ben wer­den wol­len ;-).

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