Microsoft Planner – Selbstorganisation fördern und weiterentwickeln

Der ste­tig wach­sen­de Werk­zeug­kas­ten von Micro­soft Office 365 eröff­net dem geneig­ten Anwen­der unzäh­li­ge Gele­gen­hei­ten, Pro­zes­se und Pro­jek­te bes­ser tech­nisch zu unter­stüt­zen – oft­mals, ohne dass die­se Ent­wick­lung aktiv von der IT-Abtei­lung gesteu­ert wür­de. Gera­de im Fal­le von Micro­soft Plan­ner beob­ach­te ich häu­fig, dass Plan­ner-Boards (in Micro­soft Plan­ner: „Plä­ne“) wie Pil­ze aus dem Boden schie­ßen, Men­schen und vor allem gan­ze Teams ihre Arbeit dar­in zu orga­ni­sie­ren begin­nen. „Wir machen jetzt [auch] Kan­ban!“ ist eine für Office-365-Nut­zer gera­de­zu typi­sche Äuße­rung. So erfreu­lich mir der­ar­ti­ge emer­gen­te Ent­wick­lun­gen auch erschei­nen: Durch die Bril­le des Kan­ban-Begeis­ter­ten bin ich natur­ge­mäß gera­de­zu reflex­haft geneigt, mich über den zumeist äußerst nied­ri­gen Rei­fe­grad des auf die­se Wei­se ent­stan­de­nen Arbeits­sys­tems zu mokie­ren. Wie ver­mes­sen von mir, star­tet Kan­ban doch immer „mit dem, was jetzt getan wird“ und strebt davon aus­ge­hend nach „Ver­bes­se­rung durch evo­lu­tio­nä­re Veränderungen“1! Genau davon soll die­ser Arti­kel han­deln: Wie kom­me ich mög­lichst prag­ma­tisch von „ein­fach so“ ent­stan­de­nen Micro­soft Plan­ner-Boards zu einem sich eben­so emer­gent evo­lu­tio­när wei­ter­ent­wi­ckeln­den und ver­bes­sern­den Kan­ban-Sys­tem – und das, ohne die dyna­mi­sche Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on „abzu­wür­gen“, die das ursprüng­li­che Sys­tem ent­ste­hen ließ!

Die Selbstorganisation nicht „abwürgen“

Ein­fluss auf emer­gen­te Ent­wick­lun­gen zu neh­men, bringt mei­ner Erfah­rung nach immer die Gefahr mit sich, Din­ge kaputt zu machen, das „zar­te Pflänz­chen“ der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on durch wohl­mei­nen­de Ein­grif­fe aus Ver­se­hen abster­ben zu las­sen. Im Fal­le der unge­steu­ert ent­stan­de­nen (Selbst‑)​Organisation rund um Micro­soft Plan­ner soll­te man m. E. vor allem zwei Ansät­ze unbe­dingt vermeiden:

  • Füh­ren Sie kei­ne Tool-Dis­kus­si­on. Obschon es sicher­lich geeig­ne­te­re und funk­tio­na­le­re Tools gibt und Micro­soft Plan­ner und Plan­ner als Tool auch meist nur der ein­fa­chen Ver­füg­bar­keit (im Zwei­fel direkt in Micro­soft Teams) wegen gar nicht bewusst aus­ge­wählt, son­dern ein­fach nur benutzt wor­den ist, gilt es nun ein­mal, „mit dem, was jetzt getan wird“ zu star­ten – und das ist zumin­dest in Bezug auf das Tool nun ein­mal Micro­soft Plan­ner. Ver­füg­bar­keit und Ein­fach­heit waren hier offen­kun­dig qua­si Kata­ly­sa­tor der Emer­genz, das soll­te man nicht kaputt machen.
  • Das zarte Pflänzchen der SelbstorganisationStül­pen Sie dem zar­ten Pflänz­chen der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on kei­ne Frame­works oder Rei­fe­grad­mo­del­le über. Ein kur­zer Blick auf das Kan­ban Matu­ri­ty Model (KMM)2 zeigt bereits: Mit der hemds­är­me­li­gen Dyna­mik eines schnell ein­ge­rich­te­ten und genutz­ten Plan­ner-Boards wäre es wohl der Kom­ple­xi­tät und des Umfangs die­ses Modells wegen schnell vor­bei. Die­se Auf­fas­sung ist übri­gens weder als Kri­tik an dem Modell zu ver­ste­hen noch wür­de ich grund­sätz­lich davon abra­ten, das KMM gleich­sam als „Nord­stern“ im Hin­ter­kopf zu haben; ich wür­de nur ein Team, das gera­de begon­nen hat, sich um ein Plan­ner-Board her­um zu orga­ni­sie­ren, nicht damit qua­si „über­fal­len“. Ver­gleich­ba­res gilt m. E. übri­gens für STATIK3 und alle ande­ren mehr oder min­der „gro­ßen“ Ansät­ze; das, „was jetzt getan wird“, ist wirk­lich nur ein aller­ers­ter Schritt und zumeist vor allem von Prag­ma­tik geprägt. Mei­nes Erach­tens gilt es vor allem, das zar­te Pflänz­chen zu hegen und zu pfle­gen und in sei­nem Wachs­tum zu beglei­ten – dem­entspre­chend also aller­höchs­tens nur sehr vor­sich­tig Ein­fluss zu neh­men, nur klei­ne, geziel­te Anstö­ße zu geben.

Das zarte Pflänzchen hegen und pflegen

Gehen wir ein­mal klas­sisch res­sour­cen­ori­en­tiert vor, schau­en wir also ein­mal, was wir jetzt bereits haben: Das wohl grund­le­gends­te der Kan­ban-Chan­ge-Manage­ment-Prin­zi­pi­en – „Star­te mit dem, was jetzt getan wird“ – ist offen­kun­dig bereits inhä­rent erfüllt. Eben­so erfüllt bzw. genutzt ist die ver­gleich­bar basa­le Prak­tik „Visua­li­sie­re“ – zumin­dest in einem gewis­sen (nicht zuletzt auch teil­wei­se durch Micro­soft Plan­ner gesteck­ten) Rahmen:

Kanban-Prinzipien und -Praktiken (1)
Kan­ban-Prin­zi­pi­en und ‑Prak­ti­ken (in Anleh­nung an den „offi­zi­el­len Leit­fa­den“, a. a. O)

Den Wunsch nach Verbesserung aufnehmen

Möch­ten wir uns von die­ser – übri­gens m. E. durch­aus guten – Aus­gangs­po­si­ti­on wei­ter in Rich­tung eines Kan­ban-Sys­tems ent­wi­ckeln, hilft mei­ner Erfah­rung nach tat­säch­lich als Aller­ers­tes ein wei­te­rer Blick auf die Kan­ban-Chan­ge-Manage­ment-Prin­zi­pi­en: Ein Kon­sens, dass Ver­bes­se­rung erzielt wer­den soll – und das klein­schrit­tig und evo­lu­tio­när – erscheint mir gera­de­zu offen­kun­dig als not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung für eine Wei­ter­ent­wick­lung. Kann man sich tat­säch­lich nicht ein­mal dar­auf eini­gen, bes­ser wer­den zu wol­len, ist Ver­bes­se­rung natur­ge­mäß schwie­rig bis unmöglich​4 – und ist klein­schrit­tig-evo­lu­tio­nä­re Ver­bes­se­rung nicht gewünscht und erschei­nen den Betei­lig­ten nur „big bang“-Ver­bes­se­rungs­pro­jek­te denk­bar, ist die Wahr­schein­lich­keit für ein kom­plet­tes Schei­tern des Pro­zes­ses erfah­rungs­ge­mäß sehr groß.

Den all­ge­mei­nen Wunsch nach Ver­bes­se­rung (in ers­ter Linie im Team und vor allem nicht aus­schließ­lich bei den Füh­rungs­kräf­ten) abzu­fra­gen, zu expli­zie­ren und Zustim­mung zu klein­schrit­ti­gen Ver­än­de­run­gen hin zum Bes­se­ren – evo­lu­tio­när und durch gemein­sa­me Expe­ri­men­te vali­diert – ein­zu­ho­len, dürf­te also ein guter und vor allem sanf­ter Start in die Wei­ter­ent­wick­lung des Arbeits­sys­tems sein. Neben­bei bemerkt dürf­te die­se Selbst­ver­pflich­tung ein wich­ti­ge­rer „Nord­stern“ sein als jedes Frame­work oder Reifegradmodell.

Kanban-Prinzipien und -Praktiken (2)
Kan­ban-Prin­zi­pi­en und ‑Prak­ti­ken (in Anleh­nung an den „offi­zi­el­len Leit­fa­den“, a. a. O)

Regeln? Prinzipien!

Arbeits­wei­sen zu ver­bes­sern, bedeu­tet zwangs­läu­fig auch, Arbeits­wei­sen zu ver­än­dern. Geziel­te Ver­än­de­rung ist immer ein gesteu­er­tes „vom Ist zum Soll“, setzt also vor­aus, dass ich weiß, wo ich ste­he und wo ich hin­möch­te – also letzt­lich mei­ne bis­he­ri­ge und mei­ne künf­ti­ge (hof­fent­lich bes­se­re) Arbeits­wei­se expli­zit beschrie­ben habe. Die dazu­ge­hö­ri­ge Kan­ban-Prak­tik „Eini­ge Dich auf Regeln“ beschreibt m. E. nichts ande­res – wobei ich per­sön­lich lie­ber von situa­tiv-fle­xi­blen Prin­zi­pi­en als von in Stein gegos­se­nen Regeln spreche​5.

Initi­al beschreibt man also, was hier und jetzt tat­säch­lich getan wird. Macht man die Regeln des Arbeits­sys­tems erst­ma­lig expli­zit, erscheint es mir als extrem wich­tig, das ers­te Chan­ge-Manage­ment-Prin­zip kon­ti­nu­ier­lich im Hin­ter­kopf zu haben: „Star­te mit dem, was jetzt getan wird“. Erfah­rungs­ge­mäß ist die Ver­su­chung groß, das Sys­tem zu beschrei­ben, das man gern hät­te – und nicht das, was aktu­ell wirk­lich gelebt wird. Es gilt also bei­spiels­wei­se, den Work­flow zu visua­li­sie­ren, den man wirk­lich lebt, und nicht etwa den, den man (oder die Füh­rungs­kraft) sich wünscht. Weiß ich nicht, wo ich jetzt ste­he oder ver­or­te ich mich gar falsch, kann auch jede Weg­be­schrei­bung zum Ziel nur falsch sein – muss Ver­än­de­rung fast zwin­gend scheitern.

Was genau nun gilt es in einem ers­ten Schritt zu beschrei­ben, zu expli­zie­ren? Auch hier hilft ein sanf­ter und vor­sich­ti­ger Start, das emer­gent ent­stan­de­ne Sys­tem nicht durch nur schein­bar blo­ße Beschrei­bung aus Ver­se­hen zu (zer)stören. Über eini­ge weni­ge Punk­te soll­te m. E. ein in kur­zen, ein­fa­chen Sät­zen for­mu­lier­ter Kon­sens erzielt wer­den, bei­spiels­wei­se über fol­gen­de Fragen:

  • Wel­che Arbeit kommt eigent­lich auf das Board?
  • Was bedeu­ten die Spal­ten (in Micro­soft Plan­ner: „Buckets“) des Boards? Wann darf Arbeit eine Spal­te (ein „Bucket“) wei­ter­be­wegt werden?
  • Wel­che Regeln für die Visua­li­sie­rung wer­den über die Spal­ten­struk­tur hin­aus bereits genutzt?
  • Wie wird aus­ge­wählt, wel­che Arbeit als nächs­tes getan wer­den soll? Wie wird mit Prio­ri­tä­ten umgegangen?
  • Was bedeu­tet eigent­lich „fer­tig“?
Kanban-Prinzipien und -Praktiken (3)
Kan­ban-Prin­zi­pi­en und ‑Prak­ti­ken (in Anleh­nung an den „offi­zi­el­len Leit­fa­den“, a. a. O)

Wo nun doku­men­tie­re ich die­se Regeln bzw. Prin­zi­pi­en mög­lichst sicht­bar und vor allem auch ein­fach zugäng­lich und ver­än­der­bar? Ein phy­si­sches Board wäre hier ja gedul­dig; Platz für ein paar „Regel-Kar­ten“ – womög­lich sogar an the­ma­tisch geeig­ne­ter Stel­le – fin­det sich dort immer. Soft­ware­ba­sier­te Boards sind in die­sem Zusam­men­hang zumeist deut­lich unfle­xi­bler, dies gilt lei­der auch für den Micro­soft Plan­ner. Da die Nut­zung von Plan­ner mei­ner Erfah­rung nach tat­säch­lich über­wie­gend aus Micro­soft Teams her­aus erfolgt, bie­tet es sich an, eine zusätz­li­che Kanal­re­gis­ter­kar­te direkt neben dem Plan­ner anzu­le­gen und mit­tels eines pas­sen­den und vor allem nied­rig­schwel­li­gen Tools wie bspw. OneN­ote oder Micro­soft Word – es gilt, ein­fach und prag­ma­tisch zu blei­ben! – die kon­sens­fä­hi­gen Prin­zi­pi­en bzw. Regeln zu dokumentieren.

Nicht noch ein Meeting!

Ver­bes­se­rung muss auch statt­fin­den, dafür braucht es Zeit und Raum – vor allem, wenn man gemein­sam, evo­lu­tio­när und expe­ri­men­tell ver­bes­sern möch­te. Die dafür not­wen­di­ge Zeit schaf­fen Orga­ni­sa­tio­nen meist in Form eines Mee­tings. Nun bin ich zwar bekann­ter­ma­ßen kein Freund vie­ler Meetings​6, ein regel­mä­ßi­ges Feed­back-Mee­ting7 erscheint mir aber den­noch als eine wirk­lich sinn­vol­le Inves­ti­ti­on von Zeit​8.

Ziel eines sol­chen Feed­back-Mee­tings wäre das Eta­blie­ren einer insti­tu­tio­na­li­sier­ten Feed­back-Schlei­fe. Ent­schei­dend dabei ist das Wort „Schlei­fe“: Erschöpft sich das Mee­ting im Äußern von Feed­back, ist nicht nur die Chan­ce auf Ver­bes­se­rung ver­tan, son­dern ein­fach nur ein neu­es Mecker-Mee­ting – ver­mut­lich gleich mit Fokus auf „das gro­ße Gan­ze“ – ent­stan­den. Wich­ti­ger als das Benen­nen von Pro­ble­men ist das Iden­ti­fi­zie­ren von Ver­bes­se­rungs­po­ten­tia­len – und auch, wenn die­ser Satz auf den einen oder ande­ren wie euphe­mis­ti­sche Wort­klau­be­rei wir­ken mag: Jam­mernd im Tal der Trä­nen zu ver­har­ren hat noch nie etwas bes­ser gemacht; gemein­sam Ideen zu sam­meln, wie man bes­ser wer­den kann, kann ande­rer­seits womög­lich sogar Spaß machen. Über­legt man sich für jede die­ser Ideen dann noch, wie man sie expe­ri­men­tell vali­die­ren – also im Klei­nen umset­zen und die kon­kre­te Ver­bes­se­rung, aber auch den Effekt auf das Gesamt­sys­tem mess­bar machen – kann, wird die (Feedback‑)​Schleife zum ech­ten She­whart-Zyklus9.

PDCA - OPDCA - Observe Plan Do Check Act - Shewhart Cycle

An eben die­sem Zyklus ori­en­tiert sich meist auch die Agen­da eines Feed­back-Mee­tings – wobei es mir emp­feh­lens­wert erscheint, nicht mit den Pro­ble­men und Poten­tia­len, son­dern mit den bis­he­ri­gen Ergeb­nis­sen (und idea­ler­wei­se Erfol­gen) zu starten:

  • Wel­che Ver­bes­se­run­gen pro­bie­ren wir gera­de aus („Wel­che Expe­ri­men­te lau­fen?“) und wie sind die Ergebnisse?
  • Wel­che „Neben­wir­kun­gen“ auf das Gesamt­sys­tem haben wir beobachtet/​gemessen?
  • Wol­len wir damit in die groß­flä­chi­ge Umset­zung gehen?
  • Wel­che Pro­ble­me und (Verbesserungs‑)​Potenziale sind uns aufgefallen?
  • Wel­che Ideen (Hypo­the­sen) haben wir dazu?
  • Wie wol­len wir das aus­pro­bie­ren (Expe­ri­ment) und …
  • … wie kön­nen wir die Ver­bes­se­rung messen?
  • Wann sind Ergeb­nis­se zu erwar­ten? Wann tref­fen wir uns wieder?

Der letz­te Tages­ord­nungs­punkt die­ser Agen­da beant­wor­tet übri­gens auch zumin­dest teil­wei­se die Fra­ge, wie oft ein Kan­ban-Feed­back-Mee­ting sinn­vol­ler­wei­se durch­zu­füh­ren ist: Meist nicht frü­her, als Ergeb­nis­se aus den durch das letz­te Mee­ting gestar­te­ten Expe­ri­men­ten zu erwar­ten sind – oder aber, sofern sich aus­rei­chend Poten­tia­le gesam­melt haben. Kei­nes­falls häu­fi­ger, wir alle haben genü­gend Mee­tings. Das gilt m. E. übri­gens für alle Kanban-„Kadenzen“: Arbeits­sys­te­me sind unter­schied­lich dyna­misch, dar­an soll­te die Fre­quenz aller Kaden­zen ange­passt wer­den: Sofern kei­ne Ver­än­de­rung gegen­über dem letz­ten Mal zu erwar­ten ist, braucht es (noch) kein Folgemeeting.

Schau­en wir an die­ser Stel­le noch ein­mal auf die Chan­ge-Manage­ment-Prin­zi­pi­en: „För­de­re Hand­lun­gen von Lea­der­ship auf allen Ebe­nen“ ist ver­mut­lich eines der am wenigs­ten ver­stan­de­nen Prin­zi­pi­en – vor allem in Deutsch­land, ist doch „Lea­der“ ein ins Deut­sche nur unter Schmer­zen über­setz­ba­rer Begriff. Im Team eta­blier­te Feed­back-Schlei­fen sind m. E. den­noch eine der größ­ten Mani­fes­ta­tio­nen die­ses Prin­zips: Was ist denn „Lea­der­ship auf allen Ebe­nen“, wenn nicht auf­hö­ren, (nur) zu jam­mern und gemein­sam Ver­ant­wor­tung über­neh­men für die kon­ti­nu­ier­li­che Wei­ter­ent­wick­lung des Arbeits­sys­tems, in dem wir alle stecken?

Kanban-Prinzipien und -Praktiken (4)
Kan­ban-Prin­zi­pi­en und ‑Prak­ti­ken (in Anleh­nung an den „offi­zi­el­len Leit­fa­den“, a. a. O)

Erste Ansätze

So fern es mir auch liegt, dem fra­gi­len, emer­gent ent­stan­de­nen Sys­tem Patent­lö­sun­gen qua­si „über­zu­stül­pen“: Es gibt nun ein­mal klas­si­sche The­men und Ansät­ze, mit denen in den aller­meis­ten Arbeits­sys­te­men rela­tiv schnell Ver­bes­se­rung zu erzie­len ist – und bei aller Demut gegen­über der Ver­schie­den­heit der Sys­te­me emp­fiehlt es sich m. E. auf jeden Fall, eben die­se The­men ein­mal zu erwäh­nen – kei­nes­falls aber als „Blau­pau­se“, son­dern viel­mehr als ein „Denk-Ange­bot“.

Blocker-Clustering und ‑Management

Gera­de am Anfang eines sol­chen Pro­zes­ses ist das Arbeits­sys­tem ganz häu­fig „ver­stopft“, steckt oft eine erstaun­lich gro­ße Men­ge min­des­tens teil­wei­se durch exter­ne und inter­ne Ein­flüs­se blo­ckier­ter Arbeit im Sys­tem. Initi­al – spä­ter aber auch kon­ti­nu­ier­lich bzw. regel­mä­ßig – lohnt es sich, einen genau­en Blick auf die­se Blo­cka­den zu wer­fen: Gibt es erkenn­ba­re Struk­tu­ren, gemein­sa­me Ursa­chen, iden­ti­fi­zier­ba­re (häu­fig lei­der qua­si per­so­ni­fi­zier­te) Eng­päs­se? Was sich durch das an der jewei­li­gen Ursa­che ori­en­tier­te Clus­tern der Blo­cka­den an Erkennt­nis­sen fin­det, ist in aller Regel vol­ler Potenziale​10 und her­vor­ra­gen­der „Input“ für das nächs­te Feed­back-Mee­ting – oder aber muss im Fal­le exter­ner Blo­cka­den ins Außen eska­liert werden.

Ist das Sys­tem kon­ti­nu­ier­lich geprägt von inter­nen oder womög­lich gar Team-inter­nen Blo­cka­den, emp­fiehlt es sich viel­leicht gar, ein „Blo­cker-Manage­ment“ zu imple­men­tie­ren. Im Fal­le Team-inter­ner Blo­cka­den hilft hier erstaun­lich häu­fig tat­säch­lich ein (mit einer har­ten und kur­zen Time­box ver­se­he­nes!) täg­li­ches „Kan­ban-Mee­ting“ zur Abstim­mung; im Fal­le Team- oder Orga­ni­sa­ti­ons-exter­ner Blo­cka­den lohnt sich sicher­lich ein Blick auf alles, was andern­orts im Zusam­men­hang mit Scrum über „Impe­di­ments“ und den Umgang damit geschrie­ben wurde.

Noch mehr Meetings!

Ich erwähn­te es bereits als Mit­tel des Blo­cker-Manage­ments: Ein regel­mä­ßi­ges Kan­ban-Mee­ting (oft auch: „Dai­ly [Stan­dup]“ oder ana­log zum „Dai­ly Scrum“ auch „Dai­ly Kan­ban“) kann unter Umstän­den einen erheb­li­chen Bei­trag dazu leis­ten, die Din­ge im Fluss zu hal­ten. Gera­de in klei­nen Teams bin ich immer etwas ver­wun­dert ob der Wirk­sam­keit eines sol­chen Mee­tings, hät­te ich doch eigent­lich erwar­tet, dass sich die Din­ge auch ohne klä­ren las­sen soll­ten, aber offen­kun­dig braucht es in vie­len Sys­te­men die­sen insti­tu­tio­na­li­sier­ten Rah­men. Erwägt man die Ein­füh­rung eines sol­chen (meist) mor­gend­li­chen „Stan­dups“, gilt es mei­ner Erfah­rung nach, drei Aspek­te beson­ders zu betrachten:

  • Es muss m. E. kei­nes­falls zwin­gend ein Kan­ban-Mee­ting geben. Viel­leicht kann man ja auch anders erfolg­reich mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren, um die Din­ge im Fluss zu hal­ten oder gar erst ins Flie­ßen zu bringen.
  • Das Kan­ban-Mee­ting muss kei­nes­falls zwin­gend täg­lich statt­fin­den, son­dern die Fre­quenz soll­te an die Dyna­mik der Situa­ti­on und Orga­ni­sa­ti­on ange­passt wer­den: Ist nicht zu erwar­ten, dass sich bin­nen eines Tages etwas Rele­van­tes ver­än­dert, brau­che ich auch kein täg­li­ches Mee­ting, son­dern viel­leicht nur ein oder zwei Mee­tings pro Woche. Oft­mals ist es anfangs wirk­lich sinn­voll, sich täg­lich zu tref­fen, man soll­te aber m. E. nicht ver­ges­sen, die Häu­fig­keit des Mee­tings regel­mä­ßig zu über­prü­fen und anzu­pas­sen – und das Mee­ting womög­lich gar aus­zu­set­zen, falls es nicht mehr nötig ist!
  • Ein täg­li­ches Mee­ting soll­te m. E. immer in eine strin­gent mode­rier­te Time­box (vgl. hier) ein­ge­passt wer­den, ein har­tes Zeit­li­mit in der Grö­ßen­ord­nung weni­ger Minu­ten haben. The­men, die in die­se Time­box nicht hin­ein­pas­sen, sind meist grund­sätz­li­che­rer Natur und bedür­fen womög­lich gar eines dedi­zier­ten Mee­tings – mög­li­cher­wei­se mit einem ver­än­der­ten Teil­neh­mer­kreis. The­men, die eher auf der Meta­ebe­ne zu ver­or­ten sind, soll­ten eher in das Feed­back-Mee­ting (s. o.) ver­la­gert werden.

Wor­über soll­te man nun in den weni­gen Minu­ten eines sol­chen Mee­tings spre­chen? Über alles, was dem tak­tisch-ope­ra­ti­ven Fort­kom­men der aktu­ell anlie­gen­den Arbeit, dem Flus der kon­kre­ten Auf­ga­ben, dient – ins­be­son­de­re natür­lich über das Besei­ti­gen oder Über­win­den von Blockaden.

Die Visualisierung verbessern

Die Visua­li­sie­rung zu ver­bes­sern, ist sicher­lich meist einer der ers­ten und ein im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes offen­sicht­li­cher Ver­bes­se­rungs­schritt. Die Visua­li­sie­rung am Board ist aller­dings kein Selbst­zweck, muss nicht „hübsch“ sein, son­dern soll­te der Arbeit mit dem Board die­nen, bei­spiels­wei­se Blo­cker geeig­net kenn­zeich­nen oder Prio­ri­tä­ten visua­li­sie­ren, Struk­tur schaf­fen und Sach­ver­hal­te auf den ers­ten Blick offen­kun­dig machen – kurz: die kon­ti­nu­ier­li­che täg­li­che Arbeit am Fluss oder z. B. auch das Team-Kan­ban-Mee­ting (s. o.) erleich­tern. Ganz ein­fa­che Mit­tel wie far­bi­ge Plan­ner-Tags („Eti­ket­ten“) mit einer ein­heit­li­chen, gemein­sam ver­ab­re­de­ten Seman­tik – in der Art von „intern blo­ckier­te Arbeit: rot, extern blo­ckier­te: pink“ – kön­nen hier Wun­der wirken.

Die Anzahl der Board reduzieren

Ich erwähn­te es ja ein­gangs: Micro­soft Plan­ner-Boards nei­gen dazu, wie Pil­ze aus dem Boden zu schie­ßen. Es star­tet ein neu­es Pro­jekt – es wird ein neu­es Board ange­legt. Für wirk­lich klug hal­te ich das beim Blick durch die „Kan­ban-Bril­le“ nicht: Meist geht es ja eigent­lich dar­um, die Arbeit zu mana­gen – und nicht vie­le klei­ne Pro­jek­te. Aus Sicht des jewei­li­gen Pro­jekt­ver­ant­wort­li­chen ist es natür­lich voll­kom­men nahe­lie­gend, pro Pro­jekt ein Micro­soft Plan­ner-Board anzu­le­gen. Aus Sicht der­je­ni­gen, die die Arbeit tun müs­sen – und nicht zuletzt auch aus Sicht der Füh­rungs­kräf­te, die für die­se Men­schen und deren Arbeit[spensum] ver­ant­wort­lich sind – ist die­ses Vor­ge­hen wenig sinn­voll: Die Arbeit eines ein­zel­nen Men­schen „ver­steckt“ sich auf ein­mal in dut­zen­den Boards, ein ganz­heit­li­cher Über­blick über Aus- und Belas­tung ist kaum mög­lich – und ohne Blick auf die Aus­las­tung fehlt mir als Pro­jekt­ver­ant­wort­li­cher jed­we­de Vor­her­sag­bar­keit, als Füh­rungs­kraft der Über­blick über die Arbeits­last auf den Schul­tern der Mitarbeiter.

Mir erschei­nen Team-Boards deut­lich sinn­vol­ler als Pro­jekt-Boards. In Bezug auf die betei­lig­ten Men­schen (die ja nun ein­mal die Arbeit tun müs­sen) dis­junk­te (vgl. hier) Boards ver­bes­sern oder ermög­li­chen über­haupt erst die Über­sicht am Eng­pass – dem Men­schen. „Mana­ge die Arbeit, lass die Men­schen sich um die Arbeit her­um selbst orga­ni­sie­ren“ mag eines der Kern-Prin­zi­pi­en von Kan­ban sein, aber unab­hän­gig davon ist der arbei­ten­de Mensch in sei­nen Fähig­kei­ten begrenzt und vor allem auch schüt­zens­wert – und ganz neben­bei meist der ent­schei­den­de Eng­pass im Sys­tem. Pro­jekt-Boards ver­stel­len mir m. E. den Blick auf den Ein­zel­nen – und ein Arbeits­sys­tem zu mana­gen heißt eben am Ende doch immer den Eng­pass „Mensch“ im Blick zu haben. Aus die­sem Grund ver­su­che ich (lei­der in mei­nem Über­ei­fer häu­fig zu früh in der Ent­wick­lung) emer­gent ent­stan­de­ne per­so­nell über­lap­pen­de Pro­jekt-Board-Struk­tu­ren mög­lichst schnell in per­so­nell dis­junk­te Team-Board-Struk­tu­ren umzu­stel­len. Mer­ke: Micro­soft Plan­ner soll­te nicht nur tech­nisch in Teams ein­ge­bet­tet sein ;‑)​!

Kein Kanban ohne WiP-Limits?

Ein­ge­fleisch­te „Kan­ba­ni­s­ta“ sind sich sicher: Kein Kan­ban ohne WiP-Limits, kei­ne Kan­ban-Soft­ware ohne eine Mög­lich­keit, WiP-Limits tech­nisch zu for­cie­ren – Micro­soft Plan­ner ist also man­gels die­ser Mög­lich­keit sowie­so per se unge­eig­net als Kan­ban-Tool. Wie gehen wir jetzt damit um, da wir aber ja nun ein­mal mit Plan­ner gestar­tet sind und die Ein­fach­heit und Zugäng­lich­keit (vor­erst?) nicht mis­sen möch­ten? Mir per­sön­lich erscheint es sowie­so wenig hilf­reich, in einem kom­plett ver­stopf­ten Arbeits­sys­tem über die Limi­tie­rung von WiP zu reden (mehr dazu hier und hier). Viel sinn­vol­ler erscheint es mir, in einem ers­ten Schritt wie­der in den Fluss zu kom­men – und sich dann erst ein­mal auf das viel­zi­tier­te „Stop start­ing, start finis­hing“ wirk­lich ein­zu­las­sen, nicht mehr neue Arbeit zu begin­nen, als man am ande­ren Ende des Sys­tems auch wirk­lich abge­schlos­sen hat. Bis dahin ist aber zumeist sehr viel Arbeit durch das Sys­tem geflos­sen. Ansons­ten gilt natür­lich: Kein Kan­ban ohne WiP-Limits.

Ausblick

An die­sem Punkt ist das Team rund ums Plan­ner-Board schon einen wei­ten Weg gemein­sam gegan­gen, hat Ver­bes­se­run­gen auf den Weg gebracht, gemein­sa­me spür­ba­re Erfol­ge und ein gemein­sa­mes Ziel – und hof­fent­lich den Drang zur dyna­mi­schen Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on, der initi­al die Nut­zung von Micro­soft Plan­ner präg­te, behalten.

Die Fra­ge ist, ob das Team jetzt nicht reif wäre für etwas mehr Theo­rie, gar ein gemein­sa­mes Kan­ban-Trai­ning. Auf geht’s – so weit man in Sachen „Kan­ban Matu­ri­ty“ denn kom­men möch­te und soweit es für die Orga­ni­sa­ti­on wirk­lich sinn­voll ist! Ob man dann irgend­wann ein­mal ein neu­es Tool braucht, fin­de ich per­sön­lich gar nicht die wich­tigs­te Fra­ge – der wah­re Werk­zeug­kas­ten, das wirk­li­che „Tool“, sind die getrof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen, die gemein­sam genutz­ten Metho­den und vor allem ande­ren der gemein­sa­me Wil­le zur kon­ti­nu­ier­li­chen Verbesserung!

Fuß­no­ten:

  1.  Der offi­zi­el­le Leit­fa­den zur Kan­ban Metho­de v.1. (2023). Kan­ban Uni­ver­si­ty. https://​kan​ban​.uni​ver​si​ty/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​u​p​l​o​a​d​s​/​2​0​2​3​/​1​1​/​T​h​e​-​O​f​f​i​c​i​a​l​-​K​a​n​b​a​n​-​G​u​i​d​e​_​German.pdf. Archi­viert am 31.03.2025 unter <https://web.archive.org/web/20250331105424/https://kanban.university/wp-content/uploads/2023/11/The-Official-Kanban-Guide_German.pdf>. Alle wei­te­ren Zita­te zur Kan­ban-Metho­de stam­men – sofern nicht anders gekenn­zeich­net – aus die­ser Quelle.
  2.  Vgl. bspw. <https://​djaa​.com/​k​a​n​b​a​n​-​m​a​t​u​r​ity-model/> (01.11.2025) archi­viert am 13.08.2025 unter <https://web.archive.org/web/20250813004743/https://djaa.com/kanban-maturity-model/>.
  3.  Vgl. bspw. <https://​www​.lin​ke​din​.com/​p​u​l​s​e​/​s​t​a​t​i​k​-​s​y​s​t​e​m​s​-​t​h​i​n​k​i​n​g​-​a​p​p​r​o​a​c​h​-​i​m​p​l​e​m​e​n​t​i​n​g​-​k​a​n​b​a​n​-​d​a​v​i​d​-anderson/> (01.11.2025) archi­viert am 23.11.2024 unter <https://web.archive.org/web/20241123235155/https://www.linkedin.com/pulse/statik-systems-thinking-approach-implementing-kanban-david-anderson/>.
  4.  Und auch STATIK (s. o.) wür­de ver­mut­lich ob des zugrun­de­lie­gen­den Man­gels an als rele­vant wahr­ge­nom­me­nen „sources of dis­sa­tis­fac­tion“ scheitern.
  5.  Zum Unter­schied zwi­schen Regeln und Prin­zi­pi­en vgl. bspw. <https://​www​.hinz​-wirkt​.de/​l​o​t​s​e​n​b​l​o​g​/​a​r​t​i​k​e​l​/​3​4​4​4​-​p​r​i​n​z​i​p​i​e​n​-​s​t​a​tt-regeln/> (13.11.2025), archi­viert am 13.05.2025 unter <https://web.archive.org/web/20250513184734/https://www.hinz-wirkt.de/lotsenblog/artikel/3444-prinzipien-statt-regeln/>.
  6.  Vgl. bspw. „Nicht noch ein Mee­ting!“ und „Mehr zum Mee­ting-Teu­fels­kreis“ hier im Blog.
  7.  Um aus­drück­lich nicht den Namen einer der eta­blier­ten Kan­ban-Kaden­zen zu ver­wen­den, ins­be­son­de­re nicht von einer „Kan­ban-Retro­spek­ti­ve“ zu sprechen.
  8.  Im Sinn von „return on time inves­ted“.
  9.  Auch „Deming-Zyklus“ oder „-Kreis“, „PDCA (plan-do-check-act)“, „OPDCA (obser­ve-plan-do-check-act)“.
  10.  Vgl. <https://​www​.infoq​.com/​a​r​t​i​c​l​e​s​/​b​l​o​c​k​e​r​s​-​d​e​f​e​c​t​s​-​p​r​o​c​e​s​s​-​i​m​provement/> (20.03.2026).

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