Rät man dazu, ein Meeting „hart“ und vor allem auch kurz und knapp zu timeboxen – Start- und Endzeit bzw. Dauer genau festzulegen und sich auch daran zu halten (!) –, stößt man häufig auf Widerstand: Wie lange die Besprechung genau dauere, ließe sich im Vorfeld doch gar nicht genau einschätzen, „in so kurzer Zeit kommt man doch gar nicht durch die Tagesordnung“, was sei denn, wenn es zu längeren Diskussionen komme? Diese Vorbehalte sind nachvollziehbar und sogar meist richtig – falls man außer dem Timeboxing nichts ändert, die Meeting-Struktur und sein eigenes Moderationsverhalten nicht anpasst. Möchte man Besprechungen erfolgreich timeboxen, ist meiner Erfahrung nach mehr zu tun als einfach nur eine Uhr aufzuhängen:
- Hat man mehrere Themen bzw. Tagesordnungspunkte (was u. U. gar nicht so sinnvoll ist, vgl. hier), sollte man diese m. E. einzeln timeboxen und auch für jeden einzelnen Punkt zuvor eine sinnvolle Timebox schätzen – quasi als schätze man die einzelnen Arbeitspakete eines Projektes. Vielleicht gelingt es bei der Gelegenheit sogar, einige Themen der Besprechung ins Asynchrone zu verlagern (vgl. hier). Empfehlenswert erscheint mir nebenbei bemerkt, weniger in Form einer Agenda als in Form von Zielen zu denken (vgl. hier) – aber auch für diese lässt sich natürlich ein „Zeit-Budget“ festgelegen, und das vielleicht sogar viel besser, kann man doch anhand des zu erreichenden Ziels den „return on time invested“ („ROTI“)1 viel besser vielleicht sogar vorab abschätzen als anhand der bloßen Bezeichnung eines Tagesordnungspunktes. Auf jeden Fall dürfte gelten: Meetings mit nur einem Thema oder Ziel (vgl. hier) lassen sich am einfachsten timeboxen – und ermöglichen ganz nebenbei meist, den Teilnehmerkreis sehr exakt einzugrenzen. Damit zu starten, die Themenvielfalt der Meetings einzugrenzen, könnte also in verschiedenerlei Hinsicht ein guter Weg zu kürzeren, effektiveren und effizienteren Besprechungen sein.
- Im Verlauf des Meetings empfiehlt es sich, die jeweilige Timebox nicht nur nahe ihrem jeweiligen Ende im Blick zu haben, sondern kontinuierlich – und das nicht nur als Moderator, sondern auch als Teilnehmer. Jeder sollte Verantwortung für die Zeit haben2 und sich entsprechend verhalten, falls nötig also auch die Zeit auf der Metaebene zum Thema machen.
- Soll ein jeder Verantwortung für die Zeit übernehmen, sollten auch alle die Zeit im wahrsten Sinne des Wortes im Blick haben. Für physische „Offline“-Meetings empfiehlt sich an dieser Stelle eine möglichst große „Eieruhr“ (z. B. direkt am Whiteboard, vgl. hier), für Online-Meetings existieren Lösungen, die über das Teilen eines Links jedem Teilnehmer den Blick auf die Uhr ermöglichen3. Hat man gar keine ausreichend große Uhr zur Hand, gibt es hilfreiche Apps4. Es gibt also keinen Grund, die Timebox nicht für wirklich alle transparent zu machen – und diese Transparenz allein schon hilft extrem beim Timeboxing.
- Sprengen Themen deutlich den zeitlichen Rahmen oder tauchen unerwartete Themen auf, die die Zeitplanung obsolet zu machen drohen, empfiehlt es sich meiner Erfahrung nach, diese möglichst frühzeitig aus dem Meeting auszulagern – sei es in eine neue, dedizierte Besprechung oder ins Asynchrone. Sehr häufig betreffen solche Themen auch gar nicht alle aktuell Anwesenden oder sind gar nur bilateral. Gerade in diesen Fällen ist die Auslagerung des jeweiligen Punktes eine Frage der Effizienz, aber auch eine des wertschätzenden Umgangs mit der Zeit und den Nerven der unbeteiligten Teilnehmer. Jedes einzelne Thema sollte möglichst für jeden Teilnehmer jederzeit relevant sein! Gerade ein „Daily Standup“ (das aufgrund der hohen Frequenz m. E. in jedem Fall hart und kurz getimeboxt sein sollte!) wird so oft zum Quell mehrerer kleiner, oft nur bilateraler Gespräche im Anschluss an das jeweilige „Daily“5 – und je mehr dies der Fall ist, desto zielorientierter dürfte das eigentliche „Daily“ gewesen sein.
Neben diesen strukturellen Änderungen in der Meeting-Gestaltung gibt es m. E. noch einige zeitfressende Aspekte, denen man im Interesse funktionierenden Timeboxings besondere Aufmerksamkeit widmen sollte:
- Kann etwas in der gegebenen Runde von Menschen gar nicht entschieden werden, sollte es spätestens nach dem Austauschen aller Argumente und ggf. der Einigung auf eine gemeinsame Empfehlung aus der Besprechung heraus verlagert werden. Oftmals enden derartige Diskussionen nicht, weil alle auf ein endgültiges Ergebnis warten – ist dies mangels Entscheidungskompetenz gar nicht zu erreichen, wird die Debatte nach kurzem Austausch meist unproduktiv, gar sinnlos. Allerspätestens an diesem Punkt sollte sie abgebrochen und dorthin verlagert werden, wo auch eine Entscheidung getroffen werden kann.
- So sehr ich meine eigenen ceterum censeos6 liebe: „Dauerbrenner-Themen“ Einzelner sollte maximal der im Interesse wertschätzenden Umgangs miteinander minimal notwendige Raum gegeben werden. Sie sind in aller Regel schon besprochen worden – und im Übrigens sollte die Zerstörung Karthagos nicht bloß aufgrund der Beharrlichkeit eines Einzelnen betrieben werden.
- Ähnliches gilt für (ewige) Wiederholungen und das „Drehen im Kreis“ – wobei es sich meiner Erfahrung nach immer lohnt, zu hinterfragen, ob es sich um eine echte Wiederholung handelt oder ob in Wirklichkeit ein neuer Aspekt aufgeworfen werden soll, das Thema womöglich völlig berechtigterweise erneut angesprochen wird. In den meisten Fällen aber handelt es sich m. E. jedoch um echte „Schleifen“ im Diskurs, die häufig auf die eigentlich fehlende Entscheidungskompetenz (s. o.) zurückzuführen sind.
- Tauchen Themen auf, die inhaltlich nicht in die aktuelle Besprechung passen oder zu diesem Zeitpunkt noch nicht sinnvoll bearbeitet werden können, empfiehlt es sich, diese vorläufig auf einem „Ideen-Parkplatz“ (vgl. hier) zu „parken“. Auf diese Weise ist einerseits sichergestellt, dass das Thema nicht verloren geht, andererseits ist es auf wertschätzende Weise aus der aktuellen Besprechung ausgelagert worden.
Möchte ich etwas verbessern, muss ich es praktisch immer messen – ohne Messung(en) weiß ich naturgemäß nicht, ob ich auf dem richtigen Weg bin. In diesem speziellen Fall erscheinen mir drei Messkriterien hilfreich, wenn nicht gar entscheidend:
- Habe ich in der zuvor gewählten Timebox das Ziel erreicht – und wäre irgend etwas Relevantes besser gewesen, wäre die Timebox größer gewesen?
- Habe ich die Timebox einhalten können – ohne ein Gefühl von Hektik aufkommen zu lassen und ohne etwas brutal „abwürgt“ zu haben?
- Zu guter Letzt: Haben alle Teilnehmer das Gefühl, dass das Ergebnis für sie die Zeit wert war? Sich zur Regel zu machen, zumindest gelegentlich ein sogenanntes „ROTI-Feedback“7 einzuholen und auch darauf zu reagieren, ist m. E. ein einfacher und guter Weg zu einer für alle Teilnehmer angenehmeren, effektiveren und effizienteren Besprechungen.
Footnotes:
- ↑ Vgl. bspw. <https://t2informatik.de/wissen-kompakt/roti-feedback/> (07.02.2026).
- ↑ Ganz im Sinne des Chairman-Postulats der Themenzentrierten Interaktion (TZI).
- ↑ Bspw. <https://cuckoo.team/> (07.02.2026).
- ↑ Zum Beispiel <https://apps.apple.com/de/app/timeboxapp/id484046663> (07.02.2026).
- ↑ Um bewusst nicht gleich von „Besprechungen“ oder „Meetings“ zu sprechen.
- ↑ Ich habe weder herausfinden können, ob und wie man diesen Topos substantivieren kann, noch wie dann der Plural zu bilden wäre. Ich hoffe, mein persönliches Sprachgefühl hat eine lesbare Lösung hervorgebracht.
- ↑ Vgl. bspw. <https://t2informatik.de/wissen-kompakt/roti-feedback/> (07.02.2026).
