Sprache beeinflusse das Denken, so die Sapir-Whorf-Hypothese. Diese Hypothese deckt sich sehr stark mit meinem persönlichen Erleben in Organisationen, dementsprechend exakt und vor allem bewusst versuche ich insbesondere meine Wortwahl zu gestalten. Ist z. B. die Rede von Kundenorientierung, Kunden-Fokus, Kundennutzen oder nutzt gar jemand die in ihrer Undifferenziertheit oft irreführende Metapher vom „König Kunde“ – ich frage nach, versuche exakt zu klären, wer denn nun eigentlich dieser ominöse Kunde genau ist und worin der für eben diesen Kunden quantifizierbare oder zumindest klar wahrnehmbare Nutzen besteht. Der auf diese Weise angeregte Diskurs führt oft dazu, dass den Beteiligten die Einführung eines Hilfskonstrukts notwendig erscheint, auf einmal von „internen Kunden“ oder „internen Kunden-Lieferantenbeziehungen“ die Rede ist.
Ich glaube, dass dieses gedankliche Konstrukt ein Irrweg ist, gedanklich in die Irre führt. Die Wirksamkeit des [Gesamt-]Systems manifestiert sich m. E. nun einmal nur an seinen Rändern bzw. im Außen, wird nur beim externen Kunden sicht- und messbar – oder um mit Eilyahu M. Goldratt zu sprechen:
„ ‚Durchsatz‘ […] ist die Geldmenge pro Zeiteinheit, die von dem System durch Verkäufe verdient wird.“1
Von „internen Kunden“ zu sprechen oder gar vorgeblich so zu handeln (also beispielsweise interne Verrechnung zu betreiben) lenkt vom eigentlichen Zweck des Systems – „Geld verdienen“ (Goldratt)2 – ab und verlagert die Sicht ins Innere. Auf diese Weise finden sich auf einmal Rechtfertigungen für die absurdesten Formen der Selbstbeschäftigung und für überhaupt nicht am eigentlichen Ziel orientierte lokale Optimierungen, häufig unter Überfokussierung auf Kosteneinsparungen. Auch das hübscheste (interne) Reisekosten-Formular macht keinen (externen) Kunden glücklicher und weder der effizienteste Buchhaltungsprozess noch der preiswerteste externe Sicherheitsdienstleister generieren mehr Umsatz.3
Spätestens, wenn ich von Kundenorientierung oder Kundennutzen spreche oder gar darüber, was „Muda“ (無駄) im Sinne von „keinen [Kunden-]Wert erzeugend“ sei und was nicht, ist es wichtig, sicher zu wissen, ob ich einem Phantom nachjage oder wirklich auf den externen Kunden fokussiert bin. Das vermeintlich hilfreiche Konstrukt vom „internen Kunden“ führt hier potenziell zu Denkfehlern und pervertiert womöglich eigentlich effektive Methoden und Ansätze bis zur Wirkungslosigkeit; ein noch so angestrengter Fokus auf einen „internen Kunden“ wird mich z. B. weder „lean“ noch „agil[e]“ machen.
Ich würde im Interesse echter Kundenorientierung inzwischen sogar so weit gehen, der kürzlich bei Sascha A. Carlins gelesenen recht radikal anmutenden Aussage
„Interne Kunden gibt es nicht. Kunde ist, wer ein Unternehmen für die Erbringung einer Leistung bezahlt“4.
weitgehend zuzustimmen.
Nun ist es über diese sehr pointierte These hinaus sicherlich manchmal erforderlich, den Begriff des „Kunden“ ein wenig über „bezahlt Geld für meine Leistung oder Produkte“ hinaus auszuweiten. Aber auch Systeme, deren Zweck nicht darin besteht oder die zumindest nicht primär darauf fokussiert sind, Geld zu verdienen, streben üblicherweise nach einer manifesten und messbaren Wirkung an ihrer Systemgrenze – beispielsweise Erhöhung des Bildungsstandes, Verringerung des Artensterbens oder gar Erhöhung der nationalen Sicherheit. Externe Nutznießer dieser Wirkung sind vielleicht keine „Kunden“ im klassischen Sinne, sie als „Kunden“ zu betrachten, ist aber m. E. gedanklich hilfreicher und viel weniger falsch als das Konstrukt vom „internen Kunden“.
Gerade im Falle von Systemen, die dazu neigen, sich selbst nicht als im klassischen Sinne ertragsorientiert wahrzunehmen und/oder Nutznießer und Rechnungsempfänger trennen (z. B. Krankenhäuser, Kindertagesstätten, NGOs), ist es häufig auch eine m. E. hilfreiche gedankliche Brücke, den „Kunden“ ebenfalls als System zu denken („Patient + Leistungsträger“, „Kind + Eltern“, „Gesellschaft“). Zu glauben, lediglich derjenige (das Subsystem), der bezahlt, sei der Kunde, ist offenkundig nicht immer sinnvoll – und den Kunden nicht auch als System zu betrachten, vermutlich auch meist falsch: Stellt man sich beispielsweise einen Konzern vor, ist ja auch nicht deren Einkaufsabteilung oder gar der konkrete Einkäufer der „Kunde“.
Wen auch immer ich gedanklich als „Kunden“ quasi „benutze“: Es sollte ein externer Nutznießer der Wirkung meines Systems sein, alles andere führt höchstwahrscheinlich gedanklich in die Irre.
Fußnoten:
- ↑ Goldratt, Eilyahu M., Cox, Jeff: Das Ziel. Ein Roman über Prozessoptimierung. Erw. Neuausg. Frankfurt a. M.: Campus Verlag 2013. S. 94.
- ↑ Ebenda. S. 93.
- ↑ Was nicht heißt, dass irgend etwas davon auf jeden Fall unnötig oder unwichtig wäre.
- ↑ <https://nvsbl.cm/notes/interne-kunden> (20.02.2026).

