Troubleshooting: Ockhams Haarwuchsmittel

Eines der wirk­sams­ten Prin­zi­pi­en für das Trou­ble­shoo­ting kom­ple­xer (IT‑)​Systeme ist sicher­lich Ock­hams Rasier­mes­ser („Occam’s razor“) – stark ver­kürzt zusam­men­fass­bar als „Prü­fe die ein­fachs­te Hypo­the­se (den ein­fachs­ten Lösungs­an­satz, die ein­fachs­te Erklä­rung) zuerst“​1. Im medi­zi­ni­schen Bereich​2 wird die­ses Prin­zip häu­fig mit dem Aphorismus

„when you hear hoof­beats, think of hor­ses, not zebras“

umschrie­ben – in unse­ren Brei­ten wäre ein Zebra als Erklä­rung der Huf­schlag-Geräu­sche zwar denk­bar, aber eine extrem exo­ti­sche und über­kom­ple­xe Erklä­rung, die bei­spiels­wei­se einen Tier­park oder einen Wan­der­zir­kus in unmit­tel­ba­rer Nähe benö­ti­gen wür­de, um eini­ger­ma­ßen plau­si­bel zu sein. Meist ist es also kein Zebra3 – und meist lohnt es sich bei­spiels­wei­se in der Infor­ma­ti­ons­tech­nik eben tat­säch­lich, zual­ler­erst zu prü­fen, ob bei­spiels­wei­se der Ste­cker wirk­lich ein­ge­steckt ist.

Ist ein Pro­blem nun über einen län­ge­ren Zeit­raum nicht zu lösen – sei es, weil die offen­sicht­li­chen ein­fa­chen Erklä­run­gen nicht zutref­fen oder aus ande­ren Grün­den –, beob­ach­te ich häu­fig etwas, das ich​4 „Ock­hams Haar­wuchs­mit­tel“ nen­nen möchte:

Je län­ger ein Pro­blem unge­löst ist, des­to [über‑]komplexer wer­den die Erklä­rungs- bzw. Lösungsversuche.

Dafür gibt es m. E. min­des­tens einen logi­schen und einen psy­cho­lo­gi­schen Grund:

  • Logisch: Die ein­fa­chen Erklä­rungs­mög­lich­kei­ten sind (oft nur ver­meint­lich) aus­ge­schöpft, also sucht man nach komplexeren.
  • Psy­cho­lo­gisch: Ist die Lösung über einen län­ge­ren Zeit­raum nicht gefun­den wor­den, muss sie qua­si zwin­gend extrem kom­plex sein, darf nicht tri­vi­al sein, sonst hät­te man sie ja schon gefunden.

Letz­te­rem liegt sicher­lich der Irr­tum zugrun­de, man kön­ne nicht ein­fach nur „Toma­ten auf den Augen“ haben, son­dern müss­te ja qua­si „zu blöd“ sein, wäre das unge­lös­te Pro­blem nicht extrem kom­plex – und das darf ja nicht sein! Aus ähn­li­chen Grün­den stellt sich an die­ser Stel­le auch häu­fig die Ten­denz ein, das Pro­blem bei den­je­ni­gen betei­lig­ten Kom­po­nen­ten zu suchen, die einem am wenigs­ten ver­traut sind – wäre die Pro­ble­m­ur­sa­che in einem wohl­be­kann­ten Bereich zu ver­or­ten, man hät­te das Pro­blem ja schon längst gelöst (man ist ja wie bereits erwähnt kei­nes­falls zu blöd – und vor allem nicht unwis­send im eige­nen Spezialgebiet!).

Ist die Pro­blem-Ursa­che nun womög­lich auch noch in einem nicht-deter­mi­nis­ti­schen oder „nur“ chao­ti­schen Sys­tem oder gar einer Black Box5 zu suchen, tra­gen meist auch noch mehr oder min­der selek­tiv wahr­ge­nom­me­ne Kor­re­la­tio­nen und dar­aus abge­lei­te­te fal­sche Kau­sa­li­tä­ten („cum hoc ergo prop­ter hoc“6) zur stei­gen­den Kom­ple­xi­tät der Erklä­rungs­ver­su­che bei.

Kurz: Das meta­pho­ri­sche Haar­wuchs­mit­tel wirkt. Je län­ger man mit dem Trou­ble­shoo­ting beschäf­tig ist, des­to „haa­ri­ger“ erscheint einem das Pro­blem und des­to kom­ple­xer wer­den die Lösungs­an­sät­ze. Und dabei ist es oft ganz ein­fach. Ist der Ste­cker 'drin?7 Je „haa­ri­ger“ das Pro­blem zu sein scheint, des­to wich­ti­ger ist es meist, sich auf Ock­hams Rasier­mes­ser zurück­zu­be­sin­nen. Die Lösung muss nicht zwin­gend kom­pli­ziert sein, nur, weil ich sie noch nicht gefun­den habe; die Gefahr, an die­ser Stel­le aus Ver­se­hen einer poten­zi­ell lösungsver­hin­dern­den kogni­ti­ven Ver­zer­rung auf­zu­sit­zen, ist mei­ner Erfah­rung nach sehr groß.

Fuß­no­ten:

  1.  Was neben­bei bemerkt nicht auto­ma­tisch heißt, dass die ein­fa­che­re Hypo­the­se zwin­gend wahr­schein­li­cher ist.
  2.  Medi­zi­ni­sche Dia­gnos­tik erscheint mir letzt­lich auch oft nichts ande­res zu sein als das Trou­ble­shoo­ting kom­ple­xer Sys­te­me (des mensch­li­chen Kör­pers und oft auch Geistes).
  3.  Oder für Fans der Serie „Dr. House“: kein Lupus.
  4.  Der Ana­lo­gie hal­ber so benannt, kei­nes­wegs als Zuschrei­bung zu Wil­helm von Ock­ham, der übri­gens – glaubt man zeit­ge­nös­si­schen Dar­stel­lun­gen – eine Ton­sur trug.
  5.  Im Trou­ble­shoo­ting in der IT heut­zu­ta­ge meist: in der Cloud, die aus Kun­den­sicht zwar viel­leicht nicht gänz­lich „black“, aber zumin­dest sehr „dun­kel­grau“ ist.
  6.  Lat., „mit die­sem, folg­lich deswegen“.
  7.  In die „ganz einfach“-Kategorie der Lösungs­an­sät­ze fällt übri­gens kei­nes­falls „Haben Sie schon neu gestar­tet?“: Ein Neu­start ist ein meist ein hoch­kom­ple­xer Pro­zess, der Pro­blem i. d. R. nur tem­po­rär ver­schwin­den lässt, jedoch in den aller­sel­tens­ten Fäl­len auch ursäch­lich löst.

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