Die Referentenansicht in PowerPoint – ein „verborgenes“ Juwel?

Viele Prä­sen­ta­tio­nen erin­nern an „betreu­tes Lesen“: Extrem text­las­ti­ge Foli­en die­nen dem (sich häu­fig zum Vor­le­sen der Inhal­te weg vom Publi­kum hin zu Lein­wand gedreh­ten) Refe­ren­ten quasi als Tele­promp­ter; das Publi­kum liest meist mehr als das es zuhört – „Death by Power­Point“ ist vor­pro­gram­miert. Mein sub­jek­ti­ver Ein­druck lässt sich sogar empi­risch objektivieren:

  • Eine durch­schnitt­li­che Power­Point-Folie ent­hält über 30 Wör­ter (vgl. hier und hier) in durch­schnitt­lich 8 Zei­len (vgl. hier).

Bei­des mag erschre­cken, ist aber (ins­be­son­de­re hof­fent­lich den Lesern die­ses Blogs) nicht neu. Neu aller­dings ist eine Zahl, die mir beim Lesen von Mei­nald Thielschs und Isa­bel Pare­bos (metho­disch im Ver­gleich zu vie­len ande­ren „Power­Point-Stu­di­en“ übri­gens ange­nehm fun­dier­ten) Stu­die zur Nut­zung von Präsentationssoftware​1 ins Auge stach:

  • 63 % der Befrag­ten gaben an, den „pre­sen­ter view“ (die „Refe­ren­ten­an­sicht“) sel­ten oder nie zu ver­wen­den, ledig­lich 20 % der Befrag­ten gaben an, diese Funk­ti­on häu­fig oder immer zu verwenden.

Es fällt mir wie Schup­pen von den Augen: Ist man kein total sou­ve­rä­ner und text­si­che­rer Refe­rent, benö­tig man Stich­wor­te – und sei es nur zur (gefühl­ten) Sicher­heit. Kennt bzw. nutzt man nun die Refe­ren­ten­an­sicht (und damit ver­mut­lich auch die Spre­cher­no­ti­zen) nicht, erstellt man fast zwangs­läu­fig Foli­en, die sich als Tele­promp­ter eig­nen, erstellt man fast auto­ma­tisch Foli­en, die mehr dem Refe­ren­ten als dem Publi­kum die­nen. Und pro­ji­ziert man quasi sein „Skript“, liest man es natur­ge­mäß auch vor – ist es zum „betreu­ten Lesen“ nicht mehr weit.

Kurz: Ange­sichts der erfah­rungs­ge­mäß erstaun­lich nied­ri­gen Nut­zungs­tie­fe der Office-Pro­duk­te könn­te die Nicht-Nut­zung der Refe­ren­ten­an­sicht womög­lich tat­säch­lich nicht (nur) Sym­ptom, son­dern (auch) Ursa­che sein!

Ich pro­pa­gie­re seit Jah­ren eine ande­re Art des Prä­sen­tie­rens, ver­su­che, zu begrün­den, zu erklä­ren und zu demons­trie­ren (vgl. hier) – und befin­de mich damit in nicht gera­de klei­ner (und m. E. sehr guter) Gesell­schaft. Ob der Fest­stel­lung, dass fast zwei drit­tel der Power­Point-Nut­zer den in Power­Point inte­grier­ten „Tele­promp­ter“ nicht nut­zen (und womög­lich nicht ein­mal ken­nen), frage ich mich aller­dings tat­säch­lich: Tue ich das Rich­ti­ge? Wäre es nicht in einem ers­ten Schritt womög­lich viel effek­ti­ver, die Nut­zung der Refe­ren­ten­an­sicht zu schu­len, anstel­le mit kom­ple­xen päd­ago­gisch-didak­ti­schen Erklä­run­gen zu über­zeu­gen zu ver­su­chen? Ich soll­te es, wir alle soll­ten es probieren!

Update 16. Novem­ber 2015: Ein ers­ter Versuch.

Fuß­no­ten:

  1.  Thielsch, M. T. & Per­abo, I. (2012). Use and eva­lua­ti­on of pre­sen­ta­ti­on soft­ware. Tech­ni­cal Com­mu­ni­ca­ti­on, 59 (2), 112 – 123. <http://​www​.thielsch​.org/​d​o​w​n​l​o​a​d​/​p​a​p​e​r​/​T​h​i​e​l​s​c​h​_​P​e​r​a​b​o_2012.pdf> (24.10.2015).

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